Als Wetter Urlaubsort war – Fremdenverkehr und Luftkurort
Heute wird Wetter vor allem als historische Kleinstadt am Burgwald wahrgenommen. Über Jahrzehnte gehörte jedoch noch ein anderes Selbstbild dazu: Wetter wollte Gäste beherbergen, Erholung bieten und als Urlaubsort wahrgenommen werden. Diese Seite rekonstruiert diesen fast verschwundenen Teil der Stadtgeschichte aus Festschriften, Fremdenverkehrswerbung, amtlichen Unterlagen, Zeitungen und persönlichen Erinnerungen.
1959 – aus dem Gewerbe- und Verkehrsverein wird der Verkehrsverein
Ein unscheinbarer Eintrag im Hessischen Staatsanzeiger belegt einen wichtigen organisatorischen Schritt: Am 9. September 1959 wurde der Name des „Gewerbe- und Verkehrsverein e. V. der Stadt Wetter (Hessen)“ in „Verkehrsverein der Stadt Wetter (Hessen)“ geändert. Der Fremdenverkehr bekam damit institutionell ein klareres eigenes Profil. Welche Personen diese Entwicklung vorantrieben und welche Werbemaßnahmen daraus entstanden, wird anhand der Festschriften und Vereinsunterlagen weiter untersucht.
Ab 1965 – Sommergäste in der „Pension Maria“
Wie dieser Fremdenverkehr im Alltag aussah, zeigt die Familienüberlieferung zur Pension Maria. Ab 1965 beherbergte Maria Dörr in Wetter über viele Jahre Sommergäste, häufig aus Großstädten. Zum Urlaub gehörte nicht nur ein Zimmer: gekocht wurde mit Erzeugnissen aus dem eigenen Garten und Stall. Für Gäste aus der Stadt war gerade dieses ländliche Leben Teil des Aufenthalts.
Auch die Familiengeschichten dazu sind überliefert. Heinrich Dörr versteckte gelegentlich die Hasen, damit sie nicht geschlachtet wurden. Und nachdem eines Abends die Luke des Hühnerstalls offen geblieben war, hatte sich in der Nacht der „Ratz“ sämtliche Hühner geholt. Solche Erinnerungen erzählen mehr über die damalige Form der Sommerfrische als eine Übernachtungsstatistik.
Familienüberlieferung von Stephan Bussang.
29. März 1977 – Wetter wird offiziell Luftkurort
Was zuvor bereits als Fremdenverkehr betrieben worden war, erhielt 1977 ein amtliches Prädikat. Der Hessische Fachausschuss für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen prädikatisierte am 29. März 1977 ausdrücklich die Kernstadt Wetter (Hessen) als Luftkurort. Die Bekanntmachung erschien im Staatsanzeiger Nr. 19 vom 9. Mai 1977. Damit ist erstmals ein präziser amtlicher Zeitpunkt für den Luftkurort-Status belegt.
Quelle: Staatsanzeiger für das Land Hessen 1977, Nr. 19, S. 990
Urlaub vor der Fernreise
Der Wetteraner Fremdenverkehr gehörte zu einer Reiseform, die später weitgehend verschwand: Ferien in einer kleinen deutschen Stadt, erreichbar mit Bahn oder Auto, Unterkunft in Privatpensionen, Spaziergänge und Wanderungen, persönliche Gastgeber und Hausmannskost. Mit wachsendem Wohlstand und neuen Reisemöglichkeiten änderten sich die Ziele. Auch die Pension Maria erlebte diesen Wandel: Die Sommergäste blieben schließlich aus, weil Urlaub zunehmend weiter weg führte.
Familienüberlieferung von Stephan Bussang.
Luise Amend – eine Spur durch das öffentliche Leben Wetters
Bei der weiteren Recherche wird besonders auf Luise Amend geachtet. Nach örtlicher Überlieferung war sie im Fremdenverkehr engagiert, prägte das bis heute verwendete Grenzegang-Motiv mit den Läufern und war im Kunstverein aktiv. Auch die Umnutzung eines alten Kiosks an der Brücke zur Dauerausstellung und damit dessen Erhalt vor einem Abriss wird mit ihr verbunden. Diese Angaben werden hier erst dann als gesicherte Tatsachen dargestellt, wenn zeitgenössische Vereins-, Presse- oder Verwaltungsquellen gefunden sind.