Familien- & Zeitgeschichte

Grenzegang in Wetter

Offizielles Grenzegang-Logo der Stadt Wetter für das Fest 2022
Logo des Grenzegangs 2022 · Quelle: Stadt Wetter (Hessen)

Alle sieben Jahre verändert Wetter für einige Tage seinen Rhythmus. Frühmorgens ziehen Menschen an die Grenze, auf dem Marktplatz wird Theater gespielt, historische Figuren gehen durch die Straßen und am Ende wird das Fest wieder „begraben“. Für mich gehört der Grenzegang zu Wetter wie Stiftskirche und Altstadt – nicht als Museumsbrauch, sondern als Fest, an dem eine Stadt ihre Geschichte gemeinsam weiterträgt.

Am Anfang stand keine Feier, sondern eine Grenze

Der Ursprung liegt in einer Zeit, in der Grenzen nicht allein auf Karten standen. Die Stadt Wetter verweist auf eine Beschreibung ihres „Weichbildes“ aus dem Jahr 1239. Wege, Gräben, Bäume, Mühlen und später Grenzsteine mit Hoheitszeichen machten sichtbar, wo Rechte und Zuständigkeiten endeten.

Solche Grenzen mussten kontrolliert werden. Für 1574 ist überliefert, dass sie nach „altem Gebrauch und Herkommen“ abgegangen wurde. Bei Streitigkeiten – damals etwa mit Münchhausen – wurden versetzte Steine wieder an ihren Platz gebracht und Hoheitszeichen erneuert.

Auch ein heute heiterer Brauch hatte einmal einen ausgesprochen amtlichen Hintergrund: Zur Kontrolle der Standfestigkeit stellte man einen Schultheißen oder Ratsschöffen auf einen Grenzstein. Aus dieser handfesten Prüfung entwickelte sich das heutige „Auf den Stein heben“.

Aus Verwaltung wird ein Heimatfest

Mit genaueren Karten und Katastern verlor die gemeinsame Grenzbegehung ihren praktischen Verwaltungszweck. Der Brauch verschwand trotzdem nicht. Für 1861 beschreibt die Stadt bereits eine Grenzbegehung mit Musik.

Damit beginnt der Grenzegang, wie man ihn heute versteht: Die Grenze wird weiterhin begangen, aber sie ist nun Bühne für Begegnung, Erinnerung und gemeinsames Feiern. Gerade diese Verwandlung erklärt, warum sich ein mittelalterlicher Verwaltungsbrauch bis in die Gegenwart halten konnte.

Eine Woche, die einem eigenen Takt folgt

Der Pocket-Guide von 2022 zeigt exemplarisch, wie viele verschiedene Teile inzwischen zusammengehören. Von Mittwoch, 10. August, bis Dienstag, 16. August, folgten Totengedenken, Festspiel, Eröffnung, zwei Grenzbegänge, Gottesdienst, historischer Festzug, Frühschoppen und schließlich das „Begraben des Festes“ aufeinander.

Freitag und Samstag gehören der eigentlichen Grenze. 2022 begann der Weckruf bereits um fünf Uhr; eine Stunde später setzte sich der Grenzbegang in Bewegung. Frühstücksplätze lagen im Wollenberg an den Schwedenschanzen und an der Hitzstube. Am Sonntag zog der historische Festzug durch die Altstadt. Montag gehörte stärker dem gemeinsamen Feiern, bevor Dienstagvormittag das Fest symbolisch wieder verschwand.

Zum Beginn gehört nach persönlicher Wetteraner Überlieferung auch das „Ausgraben des Grenzegangs“. Im ausgewerteten Kurzprogramm von 2022 wird diese Zeremonie nicht eigens aufgeführt; das „Begraben des Festes“ am Dienstag ist dort dagegen dokumentiert. Diese Unterscheidung bleibt bewusst erhalten.

„Wetteranus est“ – wenn der Marktplatz zur Bühne wird

Das Festspiel verbindet den Grenzegang mit einer zweiten Wetteraner Erinnerungstradition. Sein historischer Hintergrund liegt im Dreißigjährigen Krieg und dem Überfall von 1636. Die Handlung um das Vogelbärbchen ist jedoch eine spätere literarische Dramatisierung und kein Protokoll der damaligen Ereignisse.

Carl Glaser veröffentlichte den Stoff 1863 unter dem Namen Justus Treumund. Daraus entwickelte sich die Erzählung, die später zur Grundlage des Wetteraner Festspiels wurde: Vogelbärbchen findet das Forsthaus niedergebrannt, ihr Mann ist tot, ihr Sohn Augustin verschwunden. Die Suche führt durch Krieg und Verlust, endet aber mit Wiedersehen und Hoffnung.

Gespielt wird auf dem Marktplatz, dessen Häuser selbst Teil der Kulisse sind. Die Gebäude Marktplatz 7, 8 und 9 überstanden den großen Stadtbrand von 1649. Kirche, Pfarrhäuser und Hospital blieben ebenfalls erhalten; das damalige Rathaus verbrannte und wurde 1680 neu errichtet.

Die historischen Hintergründe von Überfall, literarischer Verarbeitung und Stadtbrand werden auf „Hintergrund zum Festspiel“ ausführlicher getrennt und eingeordnet.

Der Wettersche Weck – Geschichte zum Aufessen

Zum Grenzegang gehörte Geschichte nicht nur als Weg und Theater. Ein Siegel der Wetteraner Bäckerzunft von 1579 zeigt zwei Brezeln und einen besonderen Weck. Dieser „Wettersche Weck“ wurde später beim Grenzegang an Schulkinder verteilt.

Das kleine Gebäck verbindet erstaunlich viele Ebenen: alte Zunftordnung, örtliches Handwerk, Schule und Festbrauch. Für Kinder bekam die historische Grenzbegehung damit eine sehr konkrete Bedeutung – man konnte ein Stück Wetteraner Tradition buchstäblich aufessen.

Das eigentliche Fest entsteht lange vor dem ersten Weckruf

Festspiel, Festzug, Musik, Kinderprogramm, Versorgung und die Arbeit an den Grenzsteinen entstehen nicht von selbst. Zahlreiche Wetteraner bereiten den Grenzegang ehrenamtlich vor. Für 2015 nennt die Stadt 188 Menschen, die an Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung beteiligt waren.

Das erklärt vielleicht besser als jedes Programm, warum der Grenzegang so stark als gemeinsames Fest wahrgenommen wird: Ein erheblicher Teil der Stadt ist nicht nur Publikum. Menschen spielen Theater, bauen Wagen, laufen mit, musizieren, organisieren und versorgen die Teilnehmer.

Warum mir der Grenzegang wichtig ist

Ich nenne ihn gern mein „Pflichtprogramm für jeden Wetteraner“. Das ist keine offizielle Bezeichnung und auch keine Pflicht im wörtlichen Sinn. Es beschreibt vielmehr mein eigenes Verhältnis zu diesem Fest.

Alle sieben Jahre begegnen sich dort Menschen, die in Wetter geblieben sind, und solche, die längst anderswo leben. Straßen und Wege, die im Alltag selbstverständlich erscheinen, werden plötzlich wieder Teil einer gemeinsamen Geschichte. Genau darin liegt für mich die besondere Wirkung: Der Grenzegang bewahrt Tradition nicht, indem er sie stillstellt, sondern indem Wetter sie immer wieder neu gemeinsam erlebt.

Aus einer notwendigen Kontrolle von Grenzsteinen ist über Jahrhunderte ein Fest der Zugehörigkeit geworden. Die Grenze, die früher trennen sollte, bringt heute Menschen zusammen.

Quellen und Vertiefung