Eine Familiengeschichte
über mehr als ein Jahrhundert
Keine bloße Ahnenliste, sondern erlebte Geschichte: Familie, Arbeit, Krieg, Nachkriegszeit, Tiere, Technik, Reisen und Erinnerungen, die bis in die Gegenwart reichen.
Zwei Familien, eine spätere gemeinsame Geschichte
Auf der väterlichen Seite stehen die Familien Bussang, Fuchs und Neth, auf der mütterlichen Seite Dörr, Dehnert, Vogt und Scherer. Ihre Wege führen über Köln, Grebenstein, Hombressen, Wetter, Treisbach und Bottrop bis nach Bayreuth und Australien. Manche Daten sind durch Urkunden belegt, anderes stammt aus persönlichen Erinnerungen und Familienüberlieferungen. Beides wird hier bewusst unterschieden.
Von Wetter und Treisbach nach Bottrop
Die Geschichte meiner Großmutter Maria beginnt mit ihren Eltern: Katharina Dehnert, geborene Vogt, stammte aus Wetter, Jakob Dehnert aus Treisbach. Katharina war die dritte Tochter von Friedrich und Margarete Vogt; Jakob der älteste Sohn von Bernhard und Margarete Dehnert. Beide kamen aus großen Geschwisterreihen. Maria nennt in ihrem Lebensbericht auf Katharinas Seite unter anderem die Tanten Lina und Marie, beide geborene Vogt, und auf Jakobs Seite den Onkel Hans Dehnert.
Wie viele Menschen aus ländlich geprägten Regionen suchten Katharina und Jakob andernorts eine wirtschaftliche Perspektive und gingen nach Bottrop. Jakob fand Arbeit bei der Straßenbahn, zunächst als Fahrkartenknipser beziehungsweise Schaffner und später als Fahrer.
Zur Familie gehörten zunächst der ältere Sohn Konrad und danach eine Tochter namens Elisabeth. Elisabeth starb noch vor Marias Geburt – ein Familienmitglied, das in der späteren Erinnerung nahezu verschwunden war und erst durch Marias Lebensbericht wieder sichtbar wurde. Maria wurde 1926 als drittes Kind geboren; ihr jüngerer Bruder Ernst kam später hinzu.
Marias frühe Kindheit führte die Familie zeitweise in die Gegend um Witzhelden bei Solingen; später ging es zurück nach Bottrop. Katharina starb früh. Ihr Tod prägte die Familie und gehört zu den einschneidenden Ereignissen in Marias Kindheit. Wo die schriftlichen Quellen noch keine Einzelheiten belegen, bleibt die Darstellung bewusst bei dem, was innerhalb der Familie überliefert ist.

Kurt und Irmgard
Kurt Bussang wurde am 16. März 1923 geboren und starb am 23. Dezember 1982 in Grebenstein. Nach Familienüberlieferung lebte er zeitweise in einer Pflegefamilie in Hann. Münden. Irmgard Bussang, geborene Fuchs, wurde am 28. Juli 1926 in Grebenstein geboren und starb dort am 12. September 2004.


Heinrich und Maria
Heinrich Dörr wurde am 8. April 1924 in Wetter geboren und starb am 29. Mai 1983. Maria Dehnert, später Dörr, wurde amtlich am 30. August 1926 geboren und starb am 6. Juli 2022. Krieg und Nachkriegszeit prägten beide Lebenswege nachhaltig.

Mein Opa Heinrich – Schreinermeister, Großvater und Erzähler
Mein Großvater Heinrich war für mich zunächst einfach mein Opa. Als Kind konnte ich nur schwer erkennen, wie sehr ihn seine Erkrankung zum Ende seines Lebens bereits verändert hatte. Belegt ist aus Marias Lebensbericht, dass Heinrich einen Schlaganfall erlitten hatte. Er musste grundlegende Fähigkeiten neu erlernen; Maria beschreibt auch sein Denkvermögen danach als stark beeinträchtigt. Diese gesundheitlichen Folgen prägten seine letzten Lebensjahre und veränderten zugleich die Situation im Familienbetrieb.
Wir spielten gemeinsam Mühle. Verlieren konnte mein Großvater schlecht. Wenn die Partie für ihn brenzlig wurde, konnte es passieren, dass er ganz „versehentlich“ an den Tisch kam und sich die Stellung der Spielsteine dadurch erledigt hatte. Als Kind nahm ich solche Dinge anders wahr als heute: Er war mein Opa.
Daneben gab es sehr schöne gemeinsame Erlebnisse. Wir wanderten durch den Burgwald bis zum Christenberg. Dabei erklärte er mir, wie man Baumarten erkennt, woran man sieht, ob ein Baum krank ist, und welche Merkmale wichtig sind. In der Schreinerei beachtete er mich, aber er war beschäftigt und hatte wenig Zeit für Kinderbetreuung. Gerade deshalb waren die Wanderungen zu zweit etwas Besonderes.
Ich wurde sein „Reporter“
Heinrich erzählte mir oft von seiner sowjetischen Kriegsgefangenschaft und seiner Flucht, die er mit der Gegend um den Ararat verband. Sicher erinnere ich mich: Es war ihm wichtig, dass seine Geschichte nicht vergessen wird.
Ich war technikbegeistert und hatte einen Kassettenrekorder. So wurde ich gewissermaßen zum Reporter meines Großvaters. Heinrich diktierte mir seine Erlebnisse auf Kassette: die Flucht aus der sowjetischen Gefangenschaft, den Weg, den er mit dem Ararat verband, das Erreichen Polens, sein dortiges Aufgreifen und die Rückkehr in sowjetische Gefangenschaft. Er war damals bereits schwer krank.
Damals saß ich als Kind mit dem Kassettenrekorder vor meinem Großvater. Heute suche ich nach seinen Akten und versuche zu klären, welche Teile seiner Erzählungen sich historisch belegen lassen.
Die letzten Jahre
Für Heinrichs letzte Lebensjahre ist der Schlaganfall der belastbare gesundheitliche Ausgangspunkt. Maria schildert, dass er grundlegende Fähigkeiten neu erlernen musste und sein Denkvermögen stark beeinträchtigt war. Diese Folgen wirkten sich auf seinen Alltag und unmittelbar auf die Führung der Schreinerei aus.
Für den Familienbetrieb hatte die Erkrankung unmittelbare Folgen. Maria übernahm zunehmend die kaufmännische und organisatorische Verantwortung; laufende Arbeiten mussten trotz Heinrichs eingeschränkter Möglichkeiten weitergeführt und abgeschlossen werden. Herr Otto wurde dabei zu einer wichtigen handwerklichen Stütze. Heinrichs und Marias Sohn Ernst-Ludwig war als Schreiner ausgebildet und erwarb später den Meisterbrief. Er arbeitete intensiv im elterlichen Betrieb mit, fand seinen Lebensmittelpunkt aufgrund seiner Beziehung und späteren Ehe jedoch in Bayreuth. Maria zwang ihn nicht zur Rückkehr nach Wetter; dort baute er sich erfolgreich eine eigene berufliche Existenz auf.
Zu Heinrichs Kriegszeit gehört außerdem eine offene, bislang nicht dokumentarisch geklärte Familienüberlieferung: In der Familie wurde von einer möglichen Zugehörigkeit zur SS beziehungsweise Waffen-SS gesprochen; nach meiner Erinnerung erzählte auch Heinrich selbst, er sei aufgrund seiner Körpergröße dorthin gekommen. Solange Einheit, Zeitpunkt und Umstände nicht durch Akten geklärt sind, bleibt dies ausdrücklich eine Überlieferung und keine gesicherte biografische Angabe.
Dass Chrischona beziehungsweise die evangelische Stadtmission Heinrich wichtig war, kann ich aus eigener Erinnerung bestätigen. Markus beschreibt darüber hinaus die regelmäßige „Stunde“, Gebetsgruppen und Heinrich als Brüderrat. Maria dagegen mochte nach meiner Erinnerung die „Stunde“ nicht. Diese unterschiedlichen Perspektiven gehören zur Familiengeschichte.
„Nie wieder Krieg!“
Maria habe ich als grundsätzlich fröhlichen Menschen in Erinnerung. Wenn sie vom Krieg erzählte, änderte sich der Ton. Eine Botschaft wiederholte sie immer wieder: „Nie wieder Krieg!“
Ihre Erzählungen von Luftalarm und Bomben vermittelten mir als Kind vor allem eines: Wenn eine solche Gefahr eintritt, diskutiert man nicht lange, sondern befolgt die Anweisungen, um eine Chance zu haben, zu überleben. Erst viel später wurde mir bewusst, wie tief solche Erzählungen möglicherweise wirken können.
Eine Besonderheit betrifft bereits Marias Geburtsdatum. In der Familie wurde ihr Geburtstag am 28. August begangen. Auch am 28. August 2016 feierte die Familie in Wetter ihren 90. Geburtstag. Erst bei der Ausstellung der amtlichen Sterbeurkunde stellte sich heraus, dass ihr amtlich eingetragenes Geburtsdatum der 30. August 1926 war. In der Familie wurde erzählt, dass in ihrer Kindheit drei nahe beieinanderliegende Geburtstage zusammengelegt und gemeinsam gefeiert worden seien, weil dies praktischer gewesen sei. Ob dies tatsächlich die Ursache der abweichenden Geburtstagstradition war, ist bislang nicht dokumentarisch belegt.

Norbert und Johanna – meine Eltern
Norbert Bussang wurde am 21. April 1949 in Grebenstein geboren, Johanna am 3. Mai 1951. Ich wurde am 16. September 1972 in Kassel geboren. 1973 wurde mein Bruder Markus geboren; er starb kurze Zeit später. Auch wenn ich selbst keine Erinnerung an ihn haben kann, gehört er zu unserer Familiengeschichte und soll darin nicht vergessen werden. Meine Schwester Heike wurde am 27. Januar 1976 geboren.
In meiner Kindheit lagen Familie, Handwerk, Landwirtschaft, Tiere, Eisenbahn und Technik ungewöhnlich nah beieinander.

Weihnachten 1975
Weihnachten 1975 gehört zu den gut dokumentierten frühen Erinnerungsbildern. Meine Mutter Johanna war damals mit meiner Schwester Heike schwanger. Zu den Geschenken gehörten eine Holz-Eisenbahn und ein Kaspertheater „vom Christkind“. Wenige Wochen später wurde Heike geboren.


Tiere waren nicht nur Haustiere
Tiere gehörten selbstverständlich zum Alltag. Dazu gehörten Haustiere, aber auch Nutztiere. Ein von seiner Mutter nicht angenommenes Lamm wurde von meiner Mutter mit der Flasche aufgezogen und zeitweise in der Badewanne hinter der Küche versorgt. Kaninchen wurden damals auch zur Ernährung gehalten – unter Bedingungen, die ich aus heutiger Sicht kritisch sehe.
Später gehörten Katzen zu meinem Leben. Besonders Muschi war stark auf mich bezogen – bis sie meine mühsam aufgebaute Märklin-Landschaft als eigenes Erkundungsgebiet entdeckte. Heute gehören die Kaninchen Fine, Olivia und Oskar wieder zu diesem langen Faden.


Landwirtschaft gehörte ebenfalls dazu
Auf dem Hof meines Großonkels Ludwig Dörr erlebte ich Landwirtschaft unmittelbar: Milchkanne, Heuernte, Kartoffelernte und Schlachttage. Geschlachtete Schweinehälften hingen draußen am Stall beziehungsweise auf dem Hof und waren von der Straße aus sichtbar. Später mähte und machte ich selbst mit dem Traktor Heu für das Pferd meiner Schwester.
Die Krämergasse – eine kleine Welt
Die Krämergasse in Wetter war für ein Kind eine überschaubare Welt. Nebenan arbeitete ein Schuhmacher, gegenüber lag Tante Ullas Buchhandlung. Dort gab es Bücher, Comics wie Fix & Foxi und vieles, was mich anzog. Spielwaren Gausmann wiederum war eng mit der Modelleisenbahn verbunden.
Auch Lernen geschah oft unmittelbar – und manchmal schneller, als mein Vater es geplant hatte. Beim Skifahren an der Sackpfeife konnte ich mich als ungefähr Dreijähriger bereits auf den Skiern halten und fahren, wusste aber noch nicht, wie man bremst. Mein Vater passte nur für einen ganz kurzen Moment nicht auf. Diese Sekunde genügte mir: Ich fuhr einfach selbst den Hang für erfahrene Skifahrer herunter.
Beim Fahrradfahren wiederholte sich das Prinzip. Mein Vater wollte es mir auf dem Weg zum Schrebergarten beibringen. Wieder war er einen kurzen Augenblick abgelenkt – und wieder nutzte ich genau diesen Moment, um auf eigene Faust loszufahren. Noch ehe die eigentliche Anleitung begonnen hatte, war ich unterwegs und gelangte über die damals stark von Lastwagen befahrene Straße heil ans Ziel: unseren damaligen Garten in der Binge.
Ein prägender Ort meiner Kindheit
Der Familienbetrieb in der Frankenberger Straße war Arbeitsplatz meines Großvaters und für mich zugleich ein außergewöhnlicher Erfahrungsraum.
Die Betriebsgeschichte von Heinrich Völk und Heinrich Dörr, Schreinerei, Zimmerei und Sägewerk sowie die Erinnerungen an meine Kindheit und die spätere Nutzung des Geländes sind auf einer eigenen Seite zusammengeführt. So bleiben sie an einer Stelle vollständig dokumentiert.
Zur Geschichte der Schreinerei und des Sägewerks Dörr/Völk in Wetter →
Eine andere Perspektive auf dieselben Jahre
Meine Mutter Johanna hatte eine Brieffreundin in Magdeburg. Die Familie dort hatte zwei Kinder; Kathrin war ungefähr in meinem Alter. So war die DDR für mich nicht nur etwas aus Nachrichten oder Schulbüchern. Da war ein Kind auf der anderen Seite der Grenze, das ungefähr zur selben Zeit aufwuchs wie ich.
1977 am Grenzübergang Helmstedt / Marienborn

1977 fuhren wir mit dem damals noch neuen signalorangenen Ford Taunus in die DDR. Meine Mutter hatte noch im Westen eine Bild-Zeitung gelesen. Kurz vor der Grenze versteckte sie die Zeitung unter dem Lammfell-Schonbezug des Beifahrersitzes, weil sie nicht mit in die DDR genommen werden durfte.
Bei der Einreise wurde mein Vater herausgewunken. Unter dem überdachten Kontrollbereich mussten wir das Gepäck auf großen Tischen auspacken. Gleichzeitig wurde der Taunus sehr gründlich untersucht. Die Grenzer kontrollierten den Innenraum und nahmen im Kofferraum Verkleidungen und Schutzabdeckungen heraus. Der Taunus wurde für die Kontrolle nahezu vollständig zerlegt. Türverkleidungen, Sitze und Kofferraumverkleidungen waren ausgebaut und lagen neben dem Auto oder auf den Tischen verteilt. Im Innenraum waren vorne schließlich nur noch Teppich und Armaturenbrett vorhanden, im Kofferraum war das blanke Blech zu sehen. Gerade angesichts dieser peniblen Gründlichkeit war es ein Wunder, dass ausgerechnet die Schonbezüge der Vordersitze nicht entfernt wurden. Unter dem Lammfell-Schonbezug des Beifahrersitzes blieb die Bild-Zeitung deshalb unentdeckt.
Mir war vorher ausdrücklich eingeschärft worden, nichts zu erzählen, und daran hielt ich mich während der ganzen Kontrolle. Ich hatte große Angst, weil ich wusste, dass es für meine Eltern sehr große Probleme geben würde, wenn die versteckte Zeitung gefunden würde. Besonders im Gedächtnis blieb mir der klare, scharf und streng gesprochene Satz des Grenzers: „Sie können einreisen. Herzlich willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik.“ Mein Vater musste anschließend das Auto wieder zusammensetzen; die Kofferraumverkleidung saß danach nie wieder richtig.
Weihnachten kam ein Ostpaket
Zu Weihnachten kamen regelmäßig Pakete aus dem Osten. Für mich waren darin ungewöhnliche Süßigkeiten, Bücher und Spielzeug – darunter Karl May und Märchenbücher. Als Kind nahm ich das nicht zuerst als Ausdruck eines Wirtschaftssystems wahr, sondern als etwas Besonderes und Spannendes.
Ein Roulette aus der DDR
Ein besonders ungewöhnliches Geschenk aus einem dieser Ostpakete war dieses Roulette-Spiel. Es stammt aus dem Jahr 1977 und kostete laut Aufdruck 12,80 Mark. Gerade weil dieses Spiel damals neu war und es so etwas zuvor in dieser Form nicht gegeben hatte, muss es auch für die Familie in Magdeburg etwas Besonderes gewesen sein. Offenbar wählten sie es ganz bewusst als Geschenk für uns Kinder im Westen aus.
Für uns war schon das Motiv außergewöhnlich. Ich habe das Spiel bis heute aufbewahrt; Karton, Spielplan, Roulettekessel und Spielmarken sind noch vorhanden. Die beiden Aufnahmen zeigen genau das Exemplar, das damals aus der DDR zu uns kam.


Auch die Süßigkeiten aus den Paketen blieben in Erinnerung. Dazu gehörte Bambina-Schokolade; solche Dinge aus dem Osten waren für uns Kinder ungewohnt und gerade deshalb besonders interessant.

Aus einer Urlaubsbekanntschaft wurde eine Freundschaft
Auf einem Bulgarienurlaub Anfang der 1980er-Jahre lernten meine Eltern Ivan kennen. Aus der Urlaubsbekanntschaft wurde eine Freundschaft, die die politischen Grenzen überdauerte. Nach dem Fall der Mauer besuchte Ivan uns; nach meinem Abitur besuchte ich seine Familie mehrfach in Bulgarien.
Meine erste eigene Reise führte mich im Sommer 1992 mit dem Zug von München durch das damalige Jugoslawien in Richtung Bulgarien. Tagsüber hielt der Zug plötzlich. Soldaten liefen aufgeregt durch die Wagen. Ich verstand ihre Sprache nicht, aber ihre Gesten waren eindeutig: Alle sollten auf den Boden. Draußen beziehungsweise über dem Gebiet sah ich ein Jetflugzeug. Warum der Zug angehalten hatte, wusste ich damals nicht und weiß es bis heute nicht sicher.
In diesem Moment tat ich genau das, was verlangt wurde: Ich ging zu Boden und wartete ab. Ob dabei die eindringlichen Kriegserzählungen meiner Großmutter Maria irgendeine Rolle spielten, lässt sich im Rückblick nicht wissen. Die Verbindung fällt mir heute auf, mehr sollte daraus nicht gemacht werden.
Spielzeug und Wirklichkeit
Meine erste Märklin-Zugpackung bekam ich von meinem Großvater Kurt: eine Märklin 3000, zwei Güterwagen sowie einen Schienenbus mit Beiwagen – ähnlich den Fahrzeugen, die auf der Strecke Marburg–Frankenberg unterwegs waren. Mein Vater arbeitete bei der Deutschen Bundesbahn und war später in leitender Funktion im Bahnbetriebswerk Marburg tätig.
Am Sonntag, dem 16. September 1979, meinem siebten Geburtstag, wurde aus dem Spiel Wirklichkeit. Unter Aufsicht eines Kollegen meines Vaters durfte ich auf der Fahrt von Marburg nach Frankenberg eine Lokomotive führen. Die Fotos zeigen die 216 101-6. Auf einem Bahnsteigfoto ist auch meine Großmutter Irmgard Bussang zu sehen.


Was an diesem Tag sonst noch weltbewegend gewesen sein mag, dürfte mir ziemlich egal gewesen sein.*
* Am selben Tag, dem 16. September 1979, gelang zwei Familien mit einem selbstgebauten Heißluftballon die Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik. Für meinen siebenjährigen Blick auf diesen Sonntag spielte das keine Rolle – für mich war die Fahrt auf der 216 101-6 das große Ereignis des Tages. ↩ zurück
Technik wurde Teil des Familienalltags

Der blaue Ford Capri meiner Eltern gehört zu meinen frühen Erinnerungen – ebenso seine im Sommer unerträglich heißen schwarzen Kunstledersitze. Nach einem Unfall wurde er repariert, rostete später jedoch stark. 1976 folgte ein signalorangener Ford Taunus 2.0 V6, der bis Anfang 1989 blieb. Danach entschied sich mein Vater bewusst für einen vollverzinkten Audi 80.
Auch bei meinen eigenen Fahrzeugen wurde Korrosion zu einem wiederkehrenden Thema. Mein erster Ford Escort von 1990 und später ein Audi 80 des Modelljahres 1980 machten sehr konkrete Erfahrungen mit Motoren, Rost, Reparaturen und der Bedeutung guter Werkstätten möglich. Beim 2020 neu abgeholten Passat ließ ich deshalb bereits im Januar 2021 vorsorglich eine vollständige Dinitrol-Hohlraumkonservierung durchführen.
Was diese Kindheit miteinander verband
Lamm und Schlachttag, Schuhmacher und Schreinerei, Märklin-Bahn und echte Lokomotive, Ski, Fahrrad, Traktor und später eigene Fahrzeuge: Vieles wurde nicht abstrakt erklärt, sondern unmittelbar erlebt.
Dinge wurden benutzt, repariert und weiterverwendet. Tiere waren zugleich Gefährten und Teil landwirtschaftlicher Realität. Lebensmittel hatten eine sichtbare Herkunft. Handwerk und Fachwissen konnte ich Erwachsenen bei der Arbeit abschauen. Manche Freiheiten waren groß, manche Risiken aus heutiger Sicht ebenfalls.
Aus all dem soll keine nachträgliche Heldengeschichte entstehen. Interessanter ist für mich heute, wie Erfahrungen über Generationen weitergegeben werden: Heinrich wollte seine Geschichte auf Kassette bewahren. Maria verdichtete ihre Kriegserfahrung zu „Nie wieder Krieg!“. Mein Vater brachte die Eisenbahn in mein Leben, Großvater und Onkel Handwerk und Naturkenntnis. Jahrzehnte später versuche ich, diese Erinnerungen mit Dokumenten und Quellen zusammenzuführen, damit sie nicht verschwinden.