Familien- & Zeitgeschichte

Biedermeier und 19. Jahrhundert

Die Biedermeierzeit ist beim historischen Festzug ein anschauliches Motiv. Für Wetter steht sie zugleich für den Übergang von der alten kurhessischen Kleinstadt zur moderner verwalteten und besser erschlossenen Stadt des 19. Jahrhunderts.

Zwischen 1815 und 1871

Nach den napoleonischen Kriegen gehörte Wetter zum Kurfürstentum Hessen. Politische Mitsprache blieb begrenzt, doch Verwaltung, Verkehr und Vereinsleben veränderten den Alltag. Das Verzeichnis historischer Beiträge im Wetteraner Boten nennt für Wetter unter anderem die kurhessische Verfassung von 1831, eine Bürgergarde 1833, die Chaussee Marburg–Cölbe–Niederwetter–Wetter 1834 und einen Singverein 1838. 1866 wurde Kurhessen preußisch.

Lebens- und Arbeitsverhältnisse

Die meisten Haushalte waren weiterhin von Landwirtschaft, Handwerk, Kleinhandel und Dienstleistungen geprägt. Wohnen und Arbeiten lagen oft unter einem Dach. Ernten, Preise und Krankheiten bestimmten die Sicherheit einer Familie stärker als heute. Verbesserte Straßen verkürzten Transportzeiten und erleichterten den Zugang zu Märkten, erhöhten aber auch den Wettbewerb von außen.

Biedermeier als Festzugbild

Der Begriff „Biedermeier“ beschreibt keine einheitliche Wetteraner Lebenswelt. Bürgerliche Kleidung, häusliche Kultur und Vereinsleben bilden nur einen Ausschnitt. Tagelöhner, Dienstboten, Handwerkerfamilien und arme Haushalte erlebten dieselben Jahrzehnte anders. Die künftige Ausarbeitung soll deshalb Festzugbilder mit Steuerlisten, Berufsangaben, Hausinventaren und Bevölkerungsdaten verbinden.

Quellen

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1822 – Justizamt Wetter entsteht

Mit der Trennung von Justiz und Verwaltung wurde zum 1. Januar 1822 das Justizamt Wetter eingerichtet. Nach der preußischen Annexion Kurhessens erhielt es 1867 die Bezeichnung Amtsgericht Wetter. Die Gerichtsakten – darunter Straf- und Zivilprozesse, Testamente, Familien- und Registerangelegenheiten – bilden heute im Hessischen Staatsarchiv Marburg einen wichtigen Quellenbestand zum Alltags- und Rechtsleben der Region.

Quelle: Hessisches Staatsarchiv Marburg, Bestand 275 Wetter

1869 – Stadtgrundriss am Beginn der modernen Entwicklung

Die Urkatasterüberlieferung von 1869 zeigt Wetter noch weitgehend auf den historischen Stadtkern konzentriert. Der Hessische Städteatlas ermöglicht den direkten Vergleich mit der späteren Siedlungsentwicklung bis 1992 und macht damit den Übergang von der alten Amtsstadt zur flächenmäßig wachsenden Wohnstadt nachvollziehbar.

Quelle: Stadt Wetter / Hessischer Städteatlas

1820 – eine Apotheke mit langem Atem

Seit 1820 ist in Wetter die Stadt-Apotheke nachweisbar. Damit gehört sie zu den erstaunlich langlebigen Einrichtungen der Stadt: politische Systeme, Eisenbahn, Elektrifizierung und Automobilisierung kamen und gingen beziehungsweise veränderten den Alltag – Arzneimittel bekam man weiterhin in Wetter. Heute befindet sich die Stadt-Apotheke in der Bahnhofstraße 1.

Quelle: Stadt-Apotheke Wetter – Hausangabe „Seit 1820 in Wetter“

1867 – plötzlich königlich-preußisch

Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen änderte sich auch in Wetter das Schild an der Justiz. Aus dem seit 1822 bestehenden Justizamt wurde 1867 das königlich-preußische Amtsgericht Wetter. Für die Bevölkerung blieb das Gericht vor Ort wichtig: Hier landeten Zivilstreitigkeiten, Strafsachen, Testamente und familienrechtliche Angelegenheiten – also nicht nur die großen Rechtsfragen, sondern sehr viel alltäglicher Ärger.

Quelle: Hessisches Staatsarchiv Marburg, Bestand 275 Wetter

1833–1853 – ein Sommerlokal vor dem Mönchtor

Wetter war noch eng vom alten Stadtkern geprägt, da gab es vor dem Mönchtor bereits ein kleines Ausflugsziel. Rund hundert Meter nordwestlich bestand von 1833 bis 1853 eine Garten- und Schankwirtschaft. Besonders im Sommer gingen die Wetteraner den kurzen Weg über die Dörnertsgasse hinaus. Später verfiel das Gebäude; 1968 verschwanden auch die letzten Reste unter neuer Bebauung. Ein Freizeitort, den heute kaum noch etwas im Stadtbild verrät.

Quelle: Stadt Wetter – Historischer Stadtrundgang, Mönchtor

1835 – Wasser auf eigene Rechnung

„An Brunnen in der Stadt ist Mangel“, hatte Johann Jacob Plitt schon 1769 notiert. 1835 wartete eine Gruppe Wetteraner Bürger nicht länger auf die Stadtkasse. Unter Führung des Kaufmanns Adam Gausmann bot sie an, den alten Johannesbrunnen auf eigene Kosten wieder herzurichten. Eine Leitung wurde von einer Quelle in der Bleiche über Privatgrundstücke und unter der Stadtmauer hindurch bis in die Fuhrstraße gelegt. Der Brunnen hieß danach „Alter Gausmanns Brunnen“.

Mit der zentralen Wasserversorgung von 1906 wurde er überflüssig und später abgebaut. Aber die Geschichte bekam eine hübsche Klammer: Ein Ururenkel Gausmanns regte bei der Altstadtsanierung den Wiederaufbau an und beteiligte sich wesentlich an den Kosten. Seit dem 23. August 2002 fließt am Römerplatz wieder Wasser – ziemlich genau dort, wo schon die private Initiative von 1835 geholfen hatte.

Quelle: Stadt Wetter – Historischer Stadtrundgang, Römerplatz und Krämergasse

Römerplatz – die Römer waren wohl gar nicht da

Der Name klingt nach Legionären, Lagerfeuern und großer Weltgeschichte. Genau diese Vorstellung gefiel im 19. Jahrhundert offenbar auch in Wetter: Eine ältere Überlieferung brachte den römischen Feldherrn Drusus und sein Heer mit der Gegend an der Wetschaft in Verbindung. Johann Jacob Plitt kannte die Geschichte bereits im 18. Jahrhundert, verlegte die betreffende „Kaiserstraße“ allerdings auf die andere Seite der Wetschaft Richtung Galgenberg und Christenberg.

Für ein römisches Lager am heutigen Römerplatz gibt es keinen entsprechenden Beleg. Die Stadt selbst hält inzwischen eine viel prosaischere Erklärung für wahrscheinlicher: Namensgeber könnte schlicht eine Wetteraner Familie Römer gewesen sein. Damit erzählt der Platz heute gleich zwei Geschichten – eine über die Vergangenheit und eine darüber, wie gern sich das 19. Jahrhundert eine besonders alte Vergangenheit erzählte.

Quelle: Stadt Wetter – Historischer Stadtrundgang, Römerplatz und Krämergasse