Familien- & Zeitgeschichte

Heinrich Dörr – Ein Leben zwischen Handwerk, Krieg und Familie

1925–1983 · Die Lebensgeschichte meines Großvaters, nach seiner Tonbanderzählung von 1979, Marias Lebenserinnerungen und meinen eigenen Erlebnissen.

Ein Großvater erzählt

Im Jahr 1979 saß ich als siebenjähriger Junge bei meinem Großvater Heinrich Dörr in Wetter. Wir hatten einen Kassettenrekorder, und mein Opa erzählte mir aus seinem Leben. Von seiner Kindheit, seiner Schulzeit und seiner Schreinerlehre. Vor allem aber berichtete er von den Kriegsjahren, von Breslau, seiner Gefangenschaft und davon, wie er 1945 wieder nach Hause gekommen war.

Damals konnte ich vieles von dem, was er erzählte, noch gar nicht in seiner ganzen Bedeutung verstehen. Für mich war er zunächst einfach mein Opa Heinrich. Ich kannte ihn aus dem Haus meiner Großeltern in der Frankenberger Straße 11, aus der Werkstatt, von gemeinsamen Spielen und von unseren Ausflügen.

Heute ist diese Tonbandaufnahme ein besonderes Familienzeugnis. Heinrich spricht darin selbst über einen Teil seines Lebens, den ich nicht miterlebt habe. Seine Stimme und seine Ausdrucksweise sind erhalten geblieben.

Seine Erzählung endet mit der Heimkehr 1945. Sein Leben ging aber noch fast vier Jahrzehnte weiter. Für diese Jahre gibt es andere Quellen: die Lebenserinnerungen meiner Großmutter Maria, die Geschichte der Schreinerei Völk/Dörr und schließlich meine eigenen Erinnerungen an die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte.

Kindheit auf dem Bauernhof in Wetter

Heinrich Dörr wurde am 8. April 1925 in Wetter in Hessen geboren. Seine Eltern waren der Landwirt Michael Dörr und dessen Ehefrau Katharina, geborene Siebert. Die Familie lebte auf dem elterlichen Hof in der Amönauer Straße.

Heinrich wuchs mit seinen Geschwistern Ludwig, Hermann und Sophie auf. Seine Schwester Sophie wurde später Diakonisse. Auch in der älteren Generation gab es eine Sophie Dörr, eine Schwester seines Vaters Michael, die ebenfalls als Diakonisse tätig war.

Heinrichs Kindheit fiel in eine Zeit, in der das Leben in einer kleinen hessischen Stadt noch stark von Landwirtschaft, Handwerk und den örtlichen Familien geprägt war. Auf einem Bauernhof gehörten die Versorgung der Tiere, die Feldarbeit und die jahreszeitlich wechselnden Aufgaben zum täglichen Leben.

Deutschland war damals noch eine junge Republik. Der Erste Weltkrieg lag erst wenige Jahre zurück, und die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten der Weimarer Republik prägten das Land. Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärften sich Armut und Arbeitslosigkeit vielerorts. Wie stark Heinrichs eigene Familie davon betroffen war, lässt sich aus seinen erhaltenen Erinnerungen nicht im Einzelnen ablesen.

Heinrich Dörr erzählt – Tonbandaufnahme von 1979

Der folgende Text ist die Niederschrift der Originalaufnahme von 1979. Heinrichs gesprochene Ausdrucksweise im Wetterschen Platt wurde versucht anhand der Aufnahme zu erhalten.

„Ich bin Heinrich Dörr. Ich wurde am 8. April 1925 als erster Sohn meiner Mutter, Katharina Dörr, geborene Siebert und dem Landwirt Michael Dörr in Wetter geboren. Ich bin acht Jahre in die Schule gegangen, wo Du auch hinkommst. Acht Jahre. Und dann nach dem Schulabschluss wurde ich Konfirmand. Die Konfirmandenschule hielt bei uns in der Schule der Oberpfarrer Rapp. Und dann bin ich eines Tags zu dem Heinrich Damm gegangen, der wo mer unser Spielzeug geholt ham. Da hatten sie die Sattlerei mit vielen Gäulen, die ich gesehen habe. In der Konfirmandenstunde da kam der Oberpfarrer wieder und da haben wir die Bibelarbeit und so weiter auch gemacht. Ja. Ich war dann 15 Jahre schon. So, nach dem Schulabschluss ging ich in die Schreinerlehre bei Herrn Johannes Holzapfel in Münchhausen. Der war kein Schreinermeister, er hieß nur Schreiner. Da habe ich drei Jahre gelernt. Da war die Werkstatt, die steht heute noch. Da ging oben rüber die Werkstatt, unten darunter vor allem ein Wagen und die Kühe drunner und ein Schweinestall. Da war das Klo. Da stanks wie die Pest. Das musst du aushalte. Drei Jahre. Da ging ich auch in die Berufsschule nach Marburg. Die war es auch, da, ich weiß ich gar nicht mehr wie die Strasse heißt. Da war der Lehrer Seifert. Für den Seifert ging ich in die Berufsschule, drei Jahre lang. Und dann kam ich nach Hause, ich habe drei Jahre beim Holzapfel fertig gemacht. Der lebt heute noch. Das Schreinerhandwerk ausgeübt. Da hatten wir das Hobelschwebe-Verfahren. Da haben wir ganz viel geübt. Da hatten wir eine alte Dickte und eine Hobel, Abrichte und die Bandsäge. An denen konnte ich arbeiten. Und dann die Bohrmaschine. Die hatte ich auch noch. So. Und dann wurde ich mit 17-18 Jahren zur Waffen-SS nach Brünn in die Tschechoslowakei eingezogen. Und da auf dem Kuhberg, hieß das, da war ein Zahnarzt, der hat mir die Zähne geheilt. Da habe ich bis jetzt noch ganz, alle Zähne. Ich bin einmal von Münchhausen beim Dr. Calden gewesen. Ich war nach Haus gekommen. Und da haben wir den Zahn gezogen. Da habe ich tagelang geblutet. Viel Blut. Da wurde ich eingezogen zur Waffen-SS nach Brünn in die Tschechoslowakei. Tschechoslowakei. Und unser Zug fuhr von Marburg bis nach Passau. Da haben wir im Zug gestanden. So voll war der Zug. Und dann bin ich nach Wien gefahren und da sagt der Mann: „Sie sitzen“. Und da bin ich mit dem Zug von Wien nach Tulln über Mörbisch-Ost, wo auch immer das ist. Und in der Zwischenzeit hatte meine Mutter Flüchtlinge aufgenommen, die kamen aus Schlesien oder wo auch immer. Oh Gott. In der Schule war ich sechs Jahre. Sechs Jahre bei Lehrer Balzer. Der wohnte unterhalb der Kirche. Das Haus steht heute noch. Wie es jetzt heißt, weiß ich nicht mehr. Und da habe ich zweimal eine Familie aufgenommen. Da war ein Mädchen dabei. Das holten immer wieder die Amerikaner. Und die sagten immer: „Der war in der SS der wird nie nach Hause kommen.“ Und eines Tages nach anderthalb Jahren oder drei. Ich habe vier Monate in Sternberg im Sudetenland im Lazarett gelegen. Da bin ich wieder heimgegangen und hier unten haben sie mich rausgeholt nach vier Monaten. Oh Gott. Noch einmal. Die haben gesagt. Der kommt nie mehr nach Hause. Und ich muss sagen, wir kämpften in Breslau. Und bevor ich richtig in den Urlaub fuhr, über Gießen, Fulda, Breslau. Und da bis hin nach Malapane in Oberschlesien. Da holten sie alle. Da kriegte ich Pferde. Und wir fuhren mit Heuballen auf Pferden, mit Leitern bis nach Malapane. Da wurde alles nach Russland gebracht. Und da wollte ich in Malapane den Heuballen abladen. Und da hieß es: „Deutsch Rasselwitz.“ Da war ich. Deutsch Rasselwitz, da stand das Heidelager. Da war riesengroßes Chaos. Mehr wie in dem Lager. Und da habe ich vier Jahre im Lazarett gelegen. Sterbeheim. Im Hof von Iros Rönngaardweg. Das weiß ich. Das ist ja… Das ist im Winter, im Oktober. Wir wohnten in Malapane. Und das Mädchen da aus Köln das hat gesagt: „Die gehen nie wieder nach Hause.“ Aber es war anders. Und vier Monate im Lazarett im Sterbebett in Sudetenland. Im Berg, im Hof. Alle in Sudetenland alle früher aus der Zins wohnten. Da haben sie mich eingesperrt. Einmal gingen wir zum Klo und die Polacken wollten mich erschießen. Sie wollten mich an einen Birnbaum an einen Pfosten binden und erschießen. Und da haben die Russen sich eingeschaltet da war ich. Vier Monate und dann wollten die mich erschießen. Und dann wurden wir – also Breslau war eingesperrt vom 2. Februar 1945 bis zum 6. Mai 1945. Da hatten wir im Kriegsjahr den Kampf. „Hoffnie auf Niehoff“, eh der Hanke hängt. Der Hanke war der Gauleiter. Und da hatten wir zum Glück wieder. Am 6. Mai 1945 haben wir Breslau verteidigt. Vom 2. Februar bis zum 6. Mai. Ich würde sagen, das war alles. Die Front an der Oder die Russen die warfen Flugblätter und wollten uns überreden zu kapitulieren.

Und der Gauleiter von Schlesien, der hat Breslau verteidigt, länger als Berlin. Berlin wurde eher erobert als Breslau. Und da kriegt man ein Ultimatum. Wir sollen bis zum 1. Mai kapitulieren. Weißt du? Dann in Wetter zurück 1945 war ich im Rathaus bei dem Herrn Peter. Was sollte ich denn für Dings da haben? Der oben wohnt und die Schweizer. Ja, die Schweizer. Klar. Wie es geht hieß es. Der Herr Peter war von Sarnau. Und da sollte ich warten und ich kriegte Marken. Und dann…“

Historische Einordnung der Tonbanderzählung

2. Das dörfliche Handwerk im Krieg: Die Schreinerlehre (1940–1943)

Heinrich Dörr lernte bei Johannes Holzapfel in Münchhausen, der ’nur Schreiner‘ und kein Meister war. Dies spiegelt eine kriegsbedingte Realität wider: Da jüngere Handwerksmeister massenhaft an die Front eingezogen wurden, sicherten ältere Gesellen oder Autodidakt- Schreiner ohne Meisterbrief die dörfliche Notversorgung. Die bauliche Anordnung der Werkstatt direkt über dem Vieh- und Schweinestall war typisch für hessische Fachwerk- Hofreiten. Das erwähnte Hobelschwebe-Verfahren beschreibt eine historische, handgeführte und unfallträchtige Arbeitstechnik an den Vorkriegsmaschinen (Abrichte und Dickte), die aus Sicherheitsgründen heute verboten ist. Die Tischlerei Holzapfel existierte real (gegründet 1912 an der heutigen Marburger Straße 58) und ist heute als ‚Historische Werkstatt Münchhausen‘ Teil der Route der Arbeits- und Industriekultur.

Die Verbindung zur Schreinerei von Johannes Holzapfel blieb auch über Heinrichs Lehrzeit hinaus bestehen. Als meine Mutter später das Bestattungsunternehmen führte, arbeitete sie mit seinem Enkel Friedhelm Holzapfel zusammen und übernahm in seinem Namen Bestattungen im Raum Münchhausen. Diese Zusammenarbeit bestand bis ins 21. Jahrhundert fort. Wann sie genau endete, ist mir nicht bekannt.

3. Logistik und Marschroute zur Waffen-SS (1943)

Die Einziehung zur Waffen-SS mit 17–18 Jahren erfolgte im Zuge der totalen Mobilisierung ab 1943. Die genannte Bahnstrecke (Marburg–Passau–Wien–Tulln) war die logistische Hauptachse der Deutschen Reichsbahn in den Südosten. Am Zielort Brünn (Brno) im besetzten Protektorat unterhielt die Waffen-SS ein gigantisches Ausbildungs- und Ersatzbataillon. Der erwähnte Kuhberg (Kraví hora) ist eine reale geografische Erhebung in Brünn, auf der sich damals Truppenunterkünfte und Sanitätseinrichtungen befanden. Das im Gedächtnis verankerte Detail des dortigen Zahnarztes bildet einen realen Ankerpunkt.

4. Das Chaos in Oberschlesien und der Kessel von Breslau (1945)

Der Rückzugsweg durch Oberschlesien im Januar/Februar 1945 führte über den bedeutenden schlesischen Eisenbahnknotenpunkt Deutsch Rasselwitz (Racławice Śląskie) und die Industriestadt Malapane (Ozimek). Hier lagerten riesige Wehrmachtsvorräte (darunter die genannten Heuballen für die bespannten Einheiten), die im Zuge der sowjetischen Großoffensive im Chaos evakuiert werden mussten. Die Belagerung der Festung Breslau dauerte exakt vom 2. Februar bis zum 6. Mai 1945. Die auf dem Tonband gesprochene Soldatenparole ‚Hoffnie auf Niehoff, eh der Hanke hängt‘ ist ein herausragendes zeitgenössisches Dokument. Sie persifliert das Schicksal von Festungskommandant General Hermann Niehoff (der erbittert standhielt) und dem brutalen Gauleiter Karl Hanke (der am 6. Mai feige mit einem Fieseler Storch aus dem Kessel flog). Hanke wurde im Juni 1945 auf der Flucht in Tschechien erschossen; General Hermann Niehoff (1897-1980) kapitulierte am 6. Mai 1945 und geriet in sowjetische Gefangenschaft. Nach rund zehn Jahren kehrte er Ende 1955 nach Deutschland zurück.

5. Das Überleben im Sonderlazarett und die Entlassung (September 1945)

Nach der Gefangennahme kam es häufig zu spontanen Racheakten polnischer Milizen an SS-Angehörigen. Dass sowjetische Soldaten eingriffen, lag am sowjetischen Kalkül, Kriegsgefangene als wertvolle Arbeitskräfte für den Wiederaufbau der UdSSR zu sichern. Heinrich Dörr lag vier Monate im Kriegsgefangenen-Sonderlazarett in Sternberg (Šternberk) nördlich von Olmütz in Mähren (Sudetenland). Wegen verheerender Fleckfieber- und Typhusepidemien wurden die Betten der Sterbenden (‚Sterbeheim‘) in den Innenhöfen im Freien aufgestellt (‚im Hof, wo das Dreieck ist‘). Seine Behandlung bestand oft nur aus stundenlangen Infusionen (’13, 14 Stunden am Stück an der Tropfe‘). Seine vorzeitige Entlassung im September 1945 ist ein seltener Glücksfall: Gemäß Stalins Erlass Nr. 9437 vom 14. Juli 1945 sollten 150.000 unheilbar Kranke und dauerhaft Arbeitsunfähige (‚Dystrophiker‘) sofort repatriiert werden. Als medizinischer Härtefall ohne wirtschaftlichen Nutzen wurde er vorzeitig freigelassen, bevor ab 1946 die harten NKWD- Sicherheitsprüfungen griffen.

6. Die administrative Rückkehr im Rathaus Wetter (Hessen)

Die Ankunft im September 1945 im Rathaus Wetter bei Herrn Peter war der zwingende bürokratische Schritt zur Beantragung neuer Zivilpapiere und Lebensmittelkarten in der US- Besatzungszone. Die Erwähnung der ‚Schweizer‘ verweist auf die historische Schweizer Spende, welche gezielt Hilfsgüter an schwerstkranke Rückkehrer verteilte. Obwohl in der US-Zone für Waffen-SS-Angehörige der ‚Automatische Arrest‘ galt, verhinderte Heinrich Dörrs desolater, dokumentierter Gesundheitszustand eine Internierung durch die Amerikaner. Sein Verfahren wurde später vor der Spruchkammer Marburg/Wetter aufgrund von Erwerbsunfähigkeit als ‚Mitläufer‘ oder ‚Minderbelasteter‘ eingestuft.

Die Nachkriegsjahre – zurück in Wetter

Nach seiner Heimkehr lebte Heinrich zunächst wieder auf dem elterlichen Bauernhof in der Amönauer Straße. Bis etwa Mitte 1960 blieb dies sein Zuhause.

Der Krieg hatte das Leben seiner Generation grundlegend verändert. Viele Männer kehrten nicht zurück, andere kamen verwundet oder gesundheitlich geschwächt nach Hause. Gleichzeitig mussten Familien, Landwirtschaft und Handwerksbetriebe unter schwierigen Bedingungen wieder einen Alltag finden.

Heinrich hatte vor dem Krieg das Schreinerhandwerk erlernt. Dieses Wissen sollte für seine weitere Zukunft von großer Bedeutung werden.

Heinrich und Maria

Zu den wichtigsten Veränderungen in Heinrichs Leben gehörte die Begegnung mit Maria Dehnert, die am 28. August 1926 in Bottrop geboren worden war.

Maria hat ihre eigene Lebensgeschichte viele Jahre später aufgeschrieben. Darin schildert sie auch die Zeit, in der sie und Heinrich ein Paar wurden.

Nicht alles verlief damals ohne Schwierigkeiten. Maria beschreibt familiäre Auseinandersetzungen und unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen sollte. Heinrich wollte in Wetter bleiben. Maria wiederum wollte nicht in ein altes Haus zurückkehren, das ihren Vorstellungen von einem gemeinsamen Zuhause nicht entsprach.

Besonders lebendig sind ihre Erinnerungen an die gemeinsamen Fahrradausflüge. Wenn Maria frei hatte, wartete Heinrich mit seinem Fahrrad auf sie. Gemeinsam fuhren sie durch die Landschaft, und auf dem Hof seiner Eltern wartete anschließend oft schon ein gutes Essen.

Es sind solche kleinen Begebenheiten, die neben den großen historischen Ereignissen zeigen, wie Heinrich als Mensch war.

Maria Dörr erzählt aus ihrem Leben

Die Schreinerei Völk/Dörr

Mit Heinrichs weiterer Lebensgeschichte verbindet sich auch die Geschichte der Schreinerei und des Sägewerks Völk/Dörr in Wetter.

Der Betrieb war ursprünglich von Heinrich Völk geführt worden, dem Ehemann von Friedericke, genannt Rickchen, Dörr. Zu dem Unternehmen gehörten Schreiner- und Zimmermannsarbeiten sowie ein angeschlossenes Sägewerk.

Die Entwicklung des Betriebs, seine spätere Fortführung unter dem Namen Dörr und die Veränderungen in den Nachkriegsjahrzehnten bilden einen wichtigen Teil unserer Familiengeschichte.

Für Heinrich war das Handwerk keine abstrakte berufliche Tätigkeit. Er hatte es von Grund auf gelernt und war mit den Arbeitsabläufen einer Schreinerei vertraut.

Für mich als Kind war der Betrieb später ein besonderer Ort. Dort gab es Dinge zu beobachten und zu entdecken, die in einem gewöhnlichen Kinderzimmer nicht vorkamen. Die Werkstatt gehörte zu meiner Welt und zu meinen Erinnerungen an meinen Großvater.

Schreinerei und Sägewerk Dörr/Völk in Wetter

Krankheit und die letzten gemeinsamen Jahre

Ein schwerer Einschnitt in Heinrichs Leben war sein Schlaganfall.

Maria schildert in ihrem Lebensbericht die Erkrankung und die großen Veränderungen, die sie für den gemeinsamen Alltag mit sich brachte. Heinrich benötigte zunehmend Unterstützung und Beaufsichtigung. Für Maria bedeutete dies eine erhebliche zusätzliche Belastung.

Sie beschreibt diese Jahre mit bemerkenswerter Offenheit. Trotz aller Schwierigkeiten betont sie auch, dass sie und Heinrich miteinander glücklich waren.

Für mich war er weiterhin mein Opa.

Ich verbrachte viel Zeit mit ihm. Wir spielten Mühle, ich hielt mich im Betrieb auf, und wir hatten unsere gemeinsamen Stunden zu Hause. Zu diesen Erinnerungen gehören auch die Kassettenaufnahmen, auf denen seine Stimme bis heute erhalten geblieben ist.

Gerade weil ich Heinrich in dieser Lebensphase so intensiv erleben durfte, ist mein Bild von ihm nicht allein durch seine Krankheit geprägt. Ich erinnere mich an unsere gemeinsamen Beschäftigungen und besonders an seine Fähigkeit, einem Kind etwas beizubringen, ohne dass es sich wie Unterricht anfühlte.

Der Großvater, der mir den Wald erklärte

Eine meiner schönsten Erinnerungen an Opa Heinrich sind unsere Wanderungen durch den Burgwald zum Christenberg.

Dabei gibt es eine Besonderheit: Ich war schon als Kind kein begeisterter Wanderer. Und daran hat sich bis heute wenig geändert. Wenn ich mich fortbewegen möchte, nehme ich am liebsten das Fahrrad. Einfach nur zu Fuß durch die Landschaft zu laufen, hat mich nie besonders gereizt.

Bei meinem Opa Heinrich war das anders.

Er war der Einzige, der mich dazu bringen konnte, gerne mit ihm wandern zu gehen.

Unser Ziel war der Christenberg, wo regelmäßig Waldgottesdienste unter freiem Himmel stattfanden. Heinrich wollte dorthin, und ich ging mit ihm. Dass ich als ausgesprochener Wandermuffel trotzdem gerne mitkam, lag vor allem daran, was er aus dem Weg dorthin machte: eine Entdeckungsreise durch den Wald.

Heinrich kannte sich dort aus. Er erklärte mir, wie man die verschiedenen Baumarten erkennt, woran man kranke Bäume sehen kann und welche Anzeichen darauf hindeuten, dass ein Baum fällreif ist.

Er zeigte mir, wie man sich im Wald orientiert und welche Bedeutung die Nummerierungen und Einteilungen der Waldflächen haben. Die Forstwirtschaft war für ihn kein undurchschaubares System. Er konnte mir erklären, wie die Waldabteilungen gegliedert waren und wie man sich anhand ihrer Kennzeichnungen zurechtfinden konnte.

Das waren Dinge, die wir in der Schule überhaupt nicht lernten. Mein Opa vermittelte sie mir ganz nebenbei, während wir durch den Burgwald wanderten.

Ich hörte ihm zu, stellte Fragen und merkte oft gar nicht, wie weit wir inzwischen gelaufen waren. Ausgerechnet er schaffte es, dass ich als ausgesprochener Wandermuffel Freude an diesen Wegen hatte.

Es waren nicht die zurückgelegten Kilometer, die diese Ausflüge für mich besonders machten. Es war die gemeinsame Zeit mit meinem Großvater und das Wissen, das er mir dabei weitergab.

An diese Wanderungen mit Opa Heinrich denke ich bis heute gerne zurück.

Abschied von Heinrich

Heinrich Dörr starb am 29. Mai 1983. Er wurde 58 Jahre alt.

Sein Tod bedeutete für Maria den Verlust ihres Ehemannes und für unsere Familie den Abschied von einem Menschen, dessen Leben von sehr unterschiedlichen Erfahrungen geprägt gewesen war.

Heinrich hatte die letzten Jahre der Weimarer Republik, die nationalsozialistische Diktatur, den Zweiten Weltkrieg, Gefangenschaft und den schwierigen Neubeginn erlebt. Danach folgten die Jahrzehnte mit Maria, der Familie und dem Handwerk.

Für mich ist er aber nicht in erster Linie der junge Soldat von 1945 oder der Schreiner aus Wetter geblieben.

Er ist der Großvater, mit dem ich Mühle spielte, dessen Stimme ich auf Kassette aufnahm und der mir im Burgwald erklärte, wie man Bäume und ihre Umgebung versteht.

Dass ich ihn noch so intensiv erleben durfte, ist eine Erinnerung, die mir bis heute geblieben ist.