Familien- & Zeitgeschichte

Schreinerei und Sägewerk Dörr/Völk in Wetter

Die Schreinerei und das Sägewerk an der Frankenberger Straße 11 in Wetter (Hessen) gehören zur Geschichte meiner mütterlichen Familie. Der Betrieb verbindet die Familien Dörr und Völk und war über Jahrzehnte nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch ein prägender Ort meiner eigenen Kindheit.

Heinrich Völk und der Familienbetrieb

Heinrich Völk, Ehemann von Friedericke „Rickchen“ Dörr, führte in der Frankenberger Straße einen Schreiner- und Zimmermannsbetrieb mit angeschlossenem Sägewerk. Rickchen war eine Schwester aus der Familie Dörr; die Ehe blieb kinderlos.

Wie es dazu kam, dass der Betrieb später innerhalb der Familie Dörr weitergeführt wurde, beschreibt meine Großmutter Maria Dörr in ihren Lebenserinnerungen aus ihrer eigenen Perspektive. Nach ihrer Ankunft in Wetter lebte sie zunächst bei einer Tante in der Fuhrstraße. Später kam sie in den Haushalt ihrer Tante Rickchen in der Krämergasse 2. Zu dieser Zeit war Maria bereits mit Heinrich Dörr verbunden. Rickchen und Heinrich Völk erlebten damit aus nächster Nähe, wie sich das gemeinsame Leben von Maria und Heinrich entwickelte.

Da die Ehe von Rickchen und Heinrich Völk kinderlos geblieben war, stellte sich zugleich die Frage nach der Zukunft des Handwerksbetriebs. Maria schildert, dass der Betrieb schließlich an sie und Heinrich weitergegeben wurde. In ihrer Erinnerung waren dabei gerade Heinrichs Fleiß und die gemeinsame Bereitschaft, den Betrieb weiterzuführen, entscheidend. Damit war der Übergang nicht nur eine betriebliche Nachfolge, sondern eng mit der Familiengeschichte verbunden: Aus dem Betrieb Völk wurde der von Heinrich und Maria Dörr weitergeführte Familienbetrieb.

Zu dieser Entwicklung gehörte auch ein neues Wohnhaus auf dem Grundstück in der Frankenberger Straße. Es wurde für Heinrich und Maria errichtet und zugleich so geplant, dass Rickchen dort eine eigene Wohnung beziehungsweise eigene Räume erhalten sollte. Rickchen starb jedoch noch vor dem Einzug. Das Haus fiel Heinrich und Maria zu; nach Marias Erinnerung führte dies innerhalb der Familie Völk auch zu Verstimmungen.

Zur Anlage gehörten das Fachwerkgebäude der Schreinerei, die große Sägewerkhalle, Holz- und Langholzlager, Arbeitsbereiche der Zimmerleute sowie weitere Betriebsflächen. Eine kleine „Meisterbude“ beziehungsweise ein Büro und Aufenthalts- und Arbeitsräume gehörten ebenfalls zum Betriebsalltag. Unmittelbar am Gelände verlief die Bahnstrecke Marburg–Sarnau–Wetter–Frankenberg.

Historische Luftaufnahme der Schreinerei und des Sägewerks Dörr/Völk in Wetter
Historische Luftaufnahme der Schreinerei und des Sägewerks Dörr/Völk in Wetter.

Schreinerei, Zimmerei und Sägewerk

Unter Heinrich und Maria Dörr wurde der Betrieb als Verbindung aus Schreinerei, Zimmerei und Sägewerk weitergeführt. Damit war die Frankenberger Straße nicht nur Wohnort der Familie, sondern zugleich Mittelpunkt des gemeinsamen Arbeitslebens. Heinrich war für das handwerkliche Geschäft prägend; Maria war jedoch keineswegs nur im Hintergrund beteiligt. Ihre Lebenserinnerungen zeigen, dass sie zunehmend Aufgaben übernahm, die über Haushalt und Familie hinausgingen und für einen weiteren Betriebszweig wichtig wurden.

Der Betrieb deckte mehrere Bereiche des Holzhandwerks ab. In der Schreinerei standen unter anderem Kreissäge, Abrichte, Dickenhobel, Furnierpresse und Drehmaschine. Das Sägewerk besaß ein Gatter, weitere Holzbearbeitungsmaschinen und Loren für den innerbetrieblichen Transport. Holz wurde nicht nur verarbeitet, sondern auf dem Gelände auch in größerem Umfang gelagert.

Ein weiterer Bereich entwickelte sich mit der Lieferung von Särgen. Maria datiert dies in ihren Erinnerungen auf 1955. Daraus entstand neben dem klassischen Holzhandwerk zunehmend die Tätigkeit im Bestattungswesen. Nachdem Maria ihren Führerschein gemacht hatte, übernahm sie diesen Bereich immer stärker selbst. Diese Entwicklung wurde später entscheidend dafür, dass nach dem Ende des eigentlichen Handwerksbetriebs zumindest ein Teil der bisherigen Tätigkeit fortbestehen konnte.

Zum Zimmererhandwerk gehörten Arbeiten an Gebäuden in Wetter und der Umgebung. Eine besonders wichtige Familienüberlieferung betrifft die Stiftskirche Wetter: Heinrich Dörr beziehungsweise der Familienbetrieb soll den hölzernen Unterbau des neuen Spitzhelms des Westturms gezimmert haben. Der zeitliche Zusammenhang ist inzwischen eindeutig: Der heute sichtbare Spitzhelm wurde 1957/58 neu errichtet; der Entwurf wird dem damaligen Landeskonservator Hans Feldtkeller zugeschrieben. Dass der Betrieb Dörr die Zimmerarbeiten ausführte, ist als klare Familienerinnerung beziehungsweise Familienüberlieferung festgehalten; eine Rechnung, Vergabeakte oder namentliche Baunotiz liegt dafür bislang nicht vor.

Fenster und Türen – ein wichtiger Teil des Betriebs

Aus meiner eigenen Kindheit in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren erinnere ich mich sehr deutlich daran, dass in der Schreinerei in großem Umfang Fenster und Türen gefertigt beziehungsweise für Neubauten vorbereitet wurden. Dieser Bereich war kein gelegentlicher Nebenauftrag, sondern prägte den Arbeitsalltag, den ich beim Spielen in der Werkstatt miterlebte.

Nach meiner Erinnerung arbeitete die Schreinerei dabei gemeinsam mit mehreren Wetteraner Gewerbebetrieben für eine Bau- und Planungsgesellschaft, die Ende der 1970er beziehungsweise Anfang der 1980er Jahre zahlreiche Neubauten errichtete. Als diese Gesellschaft zahlungsunfähig wurde, blieben bereits ausgeführte und gelieferte Arbeiten unbezahlt. Davon waren nach meiner Erinnerung mehrere Wetteraner Handwerksbetriebe betroffen, darunter auch der Betrieb Dörr. Name der Gesellschaft, genaue Bauvorhaben, Zeitpunkt des Konkurses und Forderungshöhen sind dokumentarisch nicht gesichert und werden deshalb nicht als feststehende Tatsachen dargestellt.

Die Schreinerei in meiner Kindheit

Für mich war Heinrich Dörr zugleich Großvater und Schreinermeister. In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren erlebte ich den Betrieb noch in seinem Arbeitsalltag. Die Werkstatt war sein Arbeitsplatz; für mich als Kind wurde das gesamte Gelände zu einem Erfahrungsraum, in dem Holz, Werkzeuge, Maschinen und handwerkliches Arbeiten selbstverständlich zum Alltag gehörten.

Ein Abenteuerspielplatz, der eigentlich ein Betrieb war

Als Kind nahm ich die Schreinerei und das Sägewerk anders wahr als die Erwachsenen. Holzreste wurden zu Baumaterial, krumme Nägel wieder geradegeklopft und erneut benutzt. Werkstatt, Maschinenräume, Dachboden, Holzlager, Sägewerkhalle, Gatter und Loren boten unzählige Möglichkeiten zum Entdecken und Basteln.

Diese Freiheit war keineswegs ungefährlich. Eine Verletzung mit einem Stemmeisen verfehlte wichtige Blutgefäße nur knapp. Auch andere kindliche Experimente hätten erheblich schlimmer ausgehen können. Rückblickend gehört deshalb beides zur Erinnerung: die ungewöhnliche Freiheit und das praktische Lernen ebenso wie die Risiken einer aktiven Werkstatt- und Sägewerksumgebung.

Das Ende des Handwerksbetriebs

Mit dem Tod Heinrich Dörrs am 29. Mai 1983 endete die Geschichte des Betriebs nicht mit einem einzigen Schnitt, wohl aber die Zeit des eigentlichen Holzhandwerks. Zimmerei und Schreinerei wurden eingestellt und die Schreinerei wurde als Gewerbe abgemeldet. Für Maria bedeutete Heinrichs Tod damit zugleich einen tiefen persönlichen Einschnitt und eine grundlegende Veränderung des gemeinsamen Betriebs.

Fortbestehen konnte der Teil, den Maria schon zuvor zunehmend selbst getragen hatte: das Sarg- und Bestattungsgeschäft. Dass dieser Bereich bereits während Heinrichs Lebenszeit eigenständige Bedeutung gewonnen hatte, war nun entscheidend. Maria führte die Bestattungstätigkeit nach 1983 weiter, obwohl Schreinerei und Zimmerei nicht mehr betrieben wurden. So blieb aus dem früheren Schreiner-, Zimmermanns- und Sägewerksbetrieb ein kleinerer, aber unmittelbar aus ihm hervorgegangener Geschäftszweig bestehen.

Später ging dieser Bereich an ihre Tochter Johanna („Hanna“) Bussang über. Danach übernahm die Firma Vaupel in Cölbe das Bestattungsgeschäft; mit ihr war zuvor bereits über mehrere Jahre eng zusammengearbeitet worden. Damit reicht die betriebliche Linie von Heinrich Völks Schreinerei und Zimmerei über Heinrich und Maria Dörr bis in die spätere Bestattungstätigkeit weiter, auch wenn der ursprüngliche Handwerksbetrieb seit 1983 nicht mehr bestand.

Das ehemalige Sägewerksgelände wurde später zeitweise an den libanesischen Autohändler Mohammed Bahudi vermietet. Damit begann für den Ort eine neue Nutzungsphase, während die alten Werkstattgebäude für die Familie weiterhin präsent blieben.

Noch einmal Werkstatt

1996 wurde die inzwischen stillgelegte Schreinerei für mich noch einmal praktisch wichtig. Bei Arbeiten an meinem Tempo Matador bearbeitete ich dort Holz. Mein Vater half mir und konnte die noch vorhandenen Maschinen bedienen, weil ihm der Umgang damit aus früheren Jahren vertraut war. So verband sich der alte Familienbetrieb Jahrzehnte später noch einmal mit meinem eigenen technischen Hobby.

Familiengeschichte und Erinnerung

Der Betrieb ist für mich mehr als ein ehemaliges Gewerbe. Er verbindet Heinrich Völk, die Familie Dörr, meine Großeltern und meine eigene Kindheit. Dokumentierte Angaben, Familienüberlieferung und persönliche Erinnerungen werden dabei bewusst unterschieden; offene Einzelheiten zur älteren Betriebsgeschichte sollen mit Gewerbe-, Bau-, Kirchen- und Familienunterlagen weiter geklärt werden.