Kirchen in Wetter – Stiftskirche und katholische Gemeinde
Kirchliches Leben gehört seit dem Mittelalter zu den prägenden Kräften der Kernstadt Wetter. Diese Seite sammelt chronologisch belegte Ereignisse zur evangelischen Stiftskirche, zu ihren Vorgänger- und Nebenkirchen sowie zur neuzeitlichen katholischen Gemeinde. Einzelne Ereignisse werden fortlaufend aus Archiven, Kirchenquellen und zeitgenössischen Medien ergänzt.
11. Jahrhundert – Kanonissenstift als geistliches Zentrum
Auf dem Klosterberg entwickelte sich ein Kanonissenstift, dessen Gründung traditionell um 1015 angesetzt wird. Eine zeitgenössische Gründungsurkunde ist nicht erhalten; archäologische Befunde stützen jedoch Bautätigkeit im 11./12. Jahrhundert. Das Stift prägte Bildung, Grundbesitz und Stadtentwicklung Wetters über Jahrhunderte.
1528 – Auflösung des Stifts in der Reformation
Mit der Einführung der Reformation in Hessen endete die institutionelle Geschichte des Kanonissenstifts. Eine Urkunde vom 1. August 1528 regelte die rechtlichen Folgen und die Versorgung der letzten Äbtissin Gertrud Döring und der verbliebenen Stiftsdamen. Die Stiftskirche blieb als evangelische Kirche Mittelpunkt des kirchlichen Lebens.
1859–1864 – umfassende Restaurierung der Stiftskirche
Im 19. Jahrhundert wurde die mittelalterliche Stiftskirche unter Leitung des Architekten Georg Gottlob Ungewitter umfassend restauriert. Der Eingriff gehört zu den markanten baulichen Veränderungen des Gotteshauses im 19. Jahrhundert.
Quelle: LAGIS / Hessischer Städteatlas und baugeschichtliche Überlieferung
1869–1871 – der alte Turmhelm verschwindet
Der 1506 hinzugefügte Westturm hatte ursprünglich einen weithin sichtbaren hohen Spitzhelm. Nachdem dieser bereits 1783 gekürzt worden war, wurde er 1869 bis 1871 abgenommen. Damit veränderte sich die Silhouette Wetters für fast neun Jahrzehnte.
1957/58 – Stiftskirchturm erhält wieder einen Spitzhelm
1957/58 erhielt der Westturm wieder den bis heute charakteristischen Spitzhelm. Die Maßnahme gab der Stadtsilhouette erneut einen markanten vertikalen Abschluss.
Katholisches Leben
Die katholische Bevölkerung der Kernstadt war im 19. Jahrhundert zunächst sehr klein. Historische Bevölkerungsstatistiken nennen 1861 drei römisch-katholische Einwohner, 1885 vierzehn. Bis 1961 war ihre Zahl auf 337 angewachsen. Die Entwicklung der katholischen Gemeinde und der Bonifatiuskirche wird hier mit Kirchen- und Archivquellen weiter vertieft.
Die Kirche war auch Archiv
Die Stiftskirche bewahrte nicht nur Gottesdienst und Baugeschichte. Über Jahrhunderte waren Inschriften, Grabdenkmäler und Ausstattungsstücke selbst Träger der Erinnerung. Matthäus Merian überlieferte 1655 beispielsweise Verse zu den sagenhaften Stiftsgründerinnen Almundis und Digmundis, die sich in der Kirche befunden haben sollen. Spätere Umbauten und Restaurierungen veränderten diesen historischen Speicher erheblich.
Die Peterskirche stand am Gänseberg – nicht unter der Stiftskirche
Die Peterskirche oder Frühmesskirche war kein Vorgängerbau der heutigen Stiftskirche, sondern eine eigene Kapelle. Sie stand nördlich der Stiftskirche am Gänseberg. Auf der historischen Stadtkarte ist sie als „Frühmesskirche, 1351, Abriss 1820“ unmittelbar nordwestlich des Stiftsbezirks eingetragen. Die Karte macht zugleich deutlich, wie dicht die kirchlichen Einrichtungen am Klosterberg beieinanderlagen.

Die Stiftskirche selbst besitzt dagegen eine eigene Baugeschichte. Unter der gotischen Kirche wurden Fundamente älterer Kirchenbauten nachgewiesen. Peterskirche und Stiftskirche bestanden somit als verschiedene Sakralbauten nebeneinander.
In der Peterskirche begann der Tag früh: Hier wurde die Frühmesse bereits vor Sonnenaufgang gelesen. Eine Stiftung dafür ist 1351 urkundlich belegt. Nach der Reformation verlor die Kapelle diese Aufgabe und bekam eine erstaunlich weltliche Zweitverwendung: Sie diente zeitweise als Stadtweinkeller. Beim großen Brand von 1649 wurde sie beschädigt; zwischen 1752 und 1783 wurde sie bis auf Mauerreste abgetragen. Was als Ort der Frühmesse begonnen hatte, endete also erst als Weinkeller und schließlich als Stützmauer am Klosterberg. Der heutige Stadtrundgang erinnert mit Station 10 an ihren Standort – nur wenige Schritte von der Stiftskirche entfernt, aber eben nicht an derselben Stelle.

Quelle: Hessischer Städteatlas Wetter · Quelle: Stadt Wetter – Historischer Stadtrundgang