Familien- & Zeitgeschichte

Fortgehen und Ankommen – Auswanderung und Familienwege

Familiengeschichte · Migration

Fortgehen und Ankommen

Auswanderung und Familienwege vom 19. Jahrhundert bis heute

Familiengeschichte spielt sich nicht nur an einem Ort ab. Im 19. Jahrhundert verließen Menschen aus Wetter, Münchhausen und den umliegenden Dörfern ihre Heimat, andere Familienzweige zogen später innerhalb Deutschlands in die Industriegebiete. Hinter diesen Wegen standen persönliche Entscheidungen, wirtschaftliche Möglichkeiten und die Frage, welche Zukunft die Heimat den Kindern einer Familie bieten konnte.

Die heute bekannten Spuren unserer Familie führen dabei weit über Hessen hinaus. Besonders deutlich werden sie bei der Familie Scherer: nach Australien ebenso wie in die Vereinigten Staaten. Die Verbindungen entwickelten sich anschließend sehr unterschiedlich. Mit dem australischen Teil der Familie besteht bis heute enger Kontakt; vom amerikanischen Zweig ist in unserer Familie dagegen nur wenig überliefert.

Die Heimat

Wenn nicht alle bleiben konnten

Wetter und die Dörfer des heutigen Umlandes waren lange von Landwirtschaft, Handwerk und kleinen Betrieben geprägt. Ein Hof oder ein Betrieb konnte nicht beliebig unter den Kindern geteilt werden. In unserer Familie ist die Überlieferung erhalten, dass der vorgesehene Nachfolger häufig auch den weitergegebenen Familienvornamen trug und später Hof oder Betrieb übernahm. Für jüngere Geschwister stellte sich damit umso stärker die Frage nach einer eigenen wirtschaftlichen Zukunft.

Diese Familienüberlieferung erklärt nicht jede Auswanderung. Sie gibt aber einen wichtigen Hintergrund für die Wege, die sich im 19. Jahrhundert öffneten: in andere deutsche Regionen, in die wachsenden Industriegebiete oder über den Atlantik und bis nach Australien.

Australien

Ein Weg, der bis heute verbindet

Eine der bemerkenswertesten Spuren führt nach Australien. Aus dem Raum Münchhausen ist mit Caspar Scherer ein Scherer-Auswanderer bekannt, der 1861 Hamburg auf der Cesar Godeffroy verließ und nach Moreton Bay in Queensland reiste. Eine verwandtschaftliche Verbindung zu unserem australischen Familienzweig ist bislang nicht belegt.

Deutlich näher an der bis heute bekannten Familie liegt die südaustralische Linie um Carl Philipp Scherer, seinen Sohn Otto Theodor Scherer und dessen Sohn Phillip Raymond „Ray“ Scherer. Ray ist in der Familienerinnerung mit einer Farm und Wein- beziehungsweise Traubenanbau verbunden. Auch Philipp Adolf Scherer aus Tanunda gehört zu den Personen, deren Familienzusammenhang weiter aufgearbeitet wird.

Australien ist dabei keine abgeschlossene Auswanderungsgeschichte. Zwischen dem australischen und dem deutschen Teil der Familie blieb der Kontakt über Generationen bestehen und reicht bis in die Gegenwart. Aus Australien entstand außerdem eine eigene Beschäftigung mit der Familiengeschichte. Eine dort erarbeitete Scherer-Chronik beziehungsweise ein Stammbaum ist aus der Familienerinnerung bekannt und wird derzeit wieder gesucht. Philipp A. Scherers 1993 erschienene Arbeit Bethany Profiles gehört zu den Quellen, die dabei genauer untersucht werden.

Vereinigte Staaten

Eine Spur nach St. Louis

Auch in die Vereinigten Staaten führt eine frühe Scherer-Spur. 1853 heiratete in St. Louis ein Heinrich Scherer, dessen Herkunft in der dortigen kirchlichen Überlieferung ausdrücklich mit Wetter im Kreis Marburg in Kurhessen angegeben wird. Damit ist ein Auswanderer aus Wetter selbst greifbar.

Anders als bei der australischen Familie ging das Wissen um diesen amerikanischen Zweig in unserer Familie weitgehend verloren. Wer Heinrichs Eltern und Geschwister waren, auf welchem Schiff er Amerika erreichte und wie sich seine Familie in den Vereinigten Staaten weiterentwickelte, gehört deshalb zu den offenen Fragen der Familienforschung.

Abwanderung innerhalb Deutschlands

Neue Arbeit, neue Orte

Nicht jede Bewegung führte über einen Ozean. Auch innerhalb Deutschlands veränderten wirtschaftliche Entwicklungen die Familienwege. Ein Beispiel ist die Familie Dehnert: Jakob Dehnert aus Treisbach und Katharina Vogt aus Wetter gingen ins Ruhrgebiet. Marias eigener Lebensbericht präzisiert den bisherigen Stand: Jakob fand eine sichere Stelle im Raum Herten/Bottrop, zunächst als Fahrkartenknipser und später als Straßenbahnfahrer in Bottrop; einen Bergbauarbeitsplatz nennt Maria nicht. 1926 wurde in Bottrop ihre Tochter Maria geboren, die später als Maria Dörr wieder eng mit Wetter verbunden war.

Solche Wege zeigen, dass Familiengeschichte nicht einfach aus einer geraden Linie von Geburtsorten besteht. Menschen gingen fort, gründeten an anderen Orten Familien und hielten Verbindungen zur alten Heimat aufrecht – oder verloren sie mit den Generationen.

Meine eigene Wanderung

Fortgehen, zurückkehren und anderswo Wurzeln schlagen

Auch meine eigene Biografie setzt diese Familiengeschichte des Fortgehens und Ankommens fort. Geboren wurde ich in Kassel, kam aber bereits als Säugling nach Wetter. Dort bin ich aufgewachsen und geprägt worden – ich empfinde mich bis heute als „Wetterscher“.

1997 verließ ich Wetter und zog nach Münchhausen. Wie schon bei früheren Generationen spielten dabei berufliche Gründe eine wichtige Rolle. Nach einer kurzen Rückkehr nach Wetter führte mich mein beruflicher Weg ab 2006 endgültig nach Nordhessen: zunächst nach Hofgeismar, anschließend nach Ihringshausen und schließlich nach Baunatal.

Beruflich hat sich der Kreis inzwischen auf besondere Weise wieder geschlossen: Meine Arbeit führt mich heute zurück in die Nähe von Marburg und damit wieder in die Region, in der ich aufgewachsen bin. Mein Wohnort bleibt jedoch Baunatal. Auch dort bin ich inzwischen verwurzelt – durch mein privates Umfeld, meine Hobbys und mein Engagement bei der Feuerwehr.

Damit ist „Heimat“ für mich heute nicht mehr nur ein einzelner Ort. Wetter bleibt der Ort meiner Kindheit und meiner Prägung; Baunatal ist über die Jahre ebenfalls Heimat geworden. Dazwischen liegen Stationen, die – wie bei vielen Familienwegen vor mir – wesentlich durch Arbeit und Lebensumstände entstanden sind.

Heute

Was von den Wegen geblieben ist

Bei manchen Zweigen ist aus einer Auswanderung vor mehr als einem Jahrhundert eine bis heute lebendige Familienverbindung geworden. Das gilt besonders für Australien. Andere Verbindungen, wie die in die Vereinigten Staaten, müssen heute aus Kirchenbüchern, Personenstandsregistern, Passagierlisten und anderen historischen Unterlagen wieder zusammengesetzt werden.

So entsteht nach und nach ein Bild, das über einen Stammbaum hinausgeht: Wer blieb, wer ging, warum eröffneten sich anderswo neue Möglichkeiten – und wie entwickelten sich die Familien in ihrer neuen Heimat weiter?