Maria Dörr – Mein Leben
Der folgende Text wird nicht redaktionell nacherzählt, sondern im Wortlaut von Maria Dörrs Lebensbericht wiedergegeben. Rechtschreibung, Ausdruck und persönliche Wertungen bleiben erhalten. Die von Margarete Deist, geb. Dörr, im Buch ergänzten redaktionellen Überschriften und Absätze dienen der Gliederung.
Geburt
Mein Leben begann in der Zeit als man Äpfel und Birnen reifen sah und sich ein Menschenherz an den wunderschönen Farben von Obst, Gemüse und Blumen erfreuen konnte. Man war damit beschäftigt, die Früchte von einem Jahr harter Arbeit in die Vorratskammern zu schaffen. Es war aber auch die Zeit, in der die Menschen den Ertrag der Erde noch dankbar als Gottes Segen empfangen haben. Und nicht wie heute alles im Supermarkt kaufen konnten, was man aus den entferntesten Winkeln der Erde mit Flugzeugen und Schiffen herbei bringt. In guter Erinnerung ist mir, dass Menschen beim Abendläuten auf der Straße stehen blieben und ein Stoßgebet zum Himmel schickten. Johann Wolfgang Goethe ist am gleichen Tag geboren, allerdings 177 Jahre früher.
1 Liter Bier kostete 0,85 Reichsmark. Ein Kilo Brot 0,41 Reichsmark, ein halbes Kilo Butter 2 Reichsmark, der Durchschnittsstundenlohn 0,81 Reichsmark. Mein Sternzeichen ist die Jungfrau. Von diesem Sternbild sagt man, sie denken nicht nur, sie handeln auch. Charakterlich sagt man der Jungfrau Fröhlichkeit, Toleranz und Strebsamkeit nach. Die Jungfrauen genießen Vertrauen und lieben das Geld. Ob alle diese Dinge stimmen, davon kann man sich mit Nachfolgendem überzeugen. Noch eine Kleinigkeit ist mir bewusst: ich habe noch alte Leute auf der Straße gesehen, die ihren Rock hochhielten und als sie weiter gingen, war die Straße nass. Offensichtlich hatten sie keinen Schlüpfer an. Wie diese Menschen dufteten, kann man sich denken.
Eltern

Mein Vater (Jakob Dehnert) war der älteste Sohn von Margarete und Bernhard Dehnert. Er hatte 10 Geschwister. So viele Kinder gab es überall. Das war keine Seltenheit. Die Pille war noch nicht erfunden. Der erste Weltkrieg war schon vorbei. Man leckte sich die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte. Die Arbeitslosigkeit war sehr hoch. Da war es als großes Glück zu bezeichnen, dass mein Vater eine Stelle gefunden hatte, und mit seinem Lohn die Familie unterstützte.
Die Arbeitsstelle war in Herten, also weit von seiner Heimat entfernt. Trotzdem war mein Vater dankbar, einen so sicheren Arbeitsplatz zu haben. Zunächst war er Fahrkartenknipser und später saß er vorne im Führerhaus und lenkte die Straßenbahn durch den Verkehr der Stadt Bottrop.
Es war ihm wichtig, diesen Platz gut auszufüllen, dass er ihn behalten konnte. So kam es, dass er diesen Arbeitsplatz bis zu seiner Pensionierung behielt.
Meine Mutter(Katharina Vogt, genannt Trienchen) war die dritte Tochter von Friedrich Vogt und seiner Frau Margarete. Sie hatten neun Kinder. Friedrich war Schuhmacher. Mit Schuhe flicken, neun Kinder zu ernähren, stell ich mir nicht gerade leicht vor. Zudem brannte sein Haus ab und er musste sich ein neues bauen. In beiden Familien wurden die Kinder gottesfürchtig und nach strengen Regeln für Sauberkeit und Fleiß erzogen. Das hat sich auch auf mein zu Hause vererbt. Drei von meinen Großeltern habe ich nicht gekannt. Den vierten sah ich zum ersten Mal, da war ich 9 Jahre alt. Dieser Mensch hat kaum ein Wort mit mir gesprochen. Er trottete immer zwischen allen herum ohne Worte. Ich fand das seltsam. Damals bin ich von meinem Onkel Hans mit einem Pferdeschlitten vom Bahnhof in Wetter abgeholt worden. Hei, war das eine schöne Fahrt. Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen. Bäume, Landschaft, Straße, alles weiß. Am Waldesrand sah ich einen Fuchs mit spitzer Schnauze und buschigem Schwanz. Tiefes Schweigen in Feld und Flur. Nur das eintönige Laufen der Pferde und das Klimpern vom Geschirr. Mein Onkel Hans war auch kein bisschen redselig. Von meiner Mutter war ich etwas anderes gewohnt. In der ganzen Familie vom Onkel galt: „Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold.“ Bei Tisch durfte außer dem Tischgebet überhaupt nicht gesprochen werden. In meinem Elternhaus gab es schon Teller. Hier stand die Schüssel oder der Topf auf dem Tisch und jeder durfte sich bedienen. Außerhalb aber vom Tisch waren die Kinder wie alle Kinder. Ich lernte sie schätzen und gern zu haben. Als ich später in Wetter lebte, hatten wir gute Kontakte. In unseren reiferen Jahren haben wir unser Verwandten-Treffen gemacht. Es war sehr schön. Leider sind die meisten inzwischen verstorben. Das trug dazu bei, dass ich immer einsamer werde. Und auf die Idee kam, das aufzuschreiben.
Mutter und Vater hatten sich gefunden und haben geheiratet. Wie sie zusammen kamen, darüber kann ich nur Vermutungen anstellen. Der eine lebte in Westfalen und die andere in Hessen. In Marburg war meine Mutter als private Krankenschwester tätig. Sie hat uns mal von einer alten Dame erzählt, die sie auf die Toilette gesetzt hatte. Sie hatte sich derweil auf ihr Bett gelegt und war eingeschlafen. Und diese Dame hat die ganze Nacht auf dem Klo gesessen. Und sich nicht gemeldet. Sie schmierte mit ihren Händen gern alle möglichen Gegenstände mit Schmutz ein. Und sagte: „Fräulein Käthe, der Hund ist da gewesen.“ Der sollte das gemacht haben. Und viele seltsame Dinge. Meine Mutter war eine schöne schlanke junge Frau. Sie war wohl irgendwie mit Vaters Bruder befreundet. Dieser Bruder vertraute mir mal an: „weißt du, eigentlich wäre ich dein Vater geworden. Dann kam dein Vater und hat mir das Mädchen ausgespannt.“ So hat sich das also zugetragen. Es war mir nach diesem Bekenntnis natürlich klar. Ich kannte diesen Onkel sehr gut. Er war ein lieber guter Mensch, aber mit meinem Vater nicht zu vergleichen. Schon allein die Uniform, die er trug. Sie ließ ihn als stolzen selbstbewussten Menschen erscheinen, der genau wusste, was er wollte.
Die Familie
Es wurde also Hochzeit gefeiert in Treisbach in seinem Elternhaus. Eher mittelmäßig, wie groß, so kann ich vermuten, nach dem Hochzeitsfoto. Es sollte Querelen gegeben haben. Vater hatte einen Strohhut, den wollte er zur Feier tragen. Mutter bestand auf einen Zylinder, und hat sich durchgesetzt. Sie hatten eine Wohnung in einer Gärtnerei auf der Kirchhellener Straße. Zuerst wurde mein Bruder Konrad geboren, dann kam eine Schwester mit Namen Elisabeth. An dritter Stelle kam ich am 28.8.1926 an die Reihe. Meine Schwester ist dazwischen gestorben. Mutter hat zwischen den Tätigkeiten für ihren Haushalt in der Gärtnerei ausgeholfen. Da war sie wohl mal nicht pünktlich zur Stelle. Ich hatte ausgeschlafen, stieg aus meinem Bettchen, und spazierte im Nachthemd auf der Hauptstraße stadteinwärts.
o weh, der Schock war groß, weil ich nach ihrer Rückkehr nicht zu finden war. Zwei Jahre war ich inzwischen alt, da zogen wir nach Witzhelden in ein kleines Dörfchen nahe bei Solingen. Mein Vater hatte ein Zimmer in Barmen. Er kam alle 14 Tage, wenn er frei hatte mit dem Fahrrad zu uns um meiner Mutter die schwersten Arbeiten ab zu nehmen. Sie versorgte neben Kindern und Haushalt eine Kuh, manchmal ein Kälbchen, ein Schaf und einen riesengroßen Garten, in dem viele stattliche Obstbäume wuchsen. Zwischen den Bäumen konnte sie das Gras mit der Sense mähen, das sie dann auf einem Grastuch auf dem Kopf von der Wiese in den Stall trug. Oder auch das Heu. Nicht nur das hatte sie zu erledigen. Sie hatte auch noch eine Stelle als Schwester bei einer Frau, die sich nach der Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr erholen konnte. Der Mann besaß eine Autofabrik. Sie wohnten in einer Villa. Und der Reichtum spross aus allen Ecken. Wenn meine Mutter dort war, durfte ich immer mit kommen. Ich hatte dann die Möglichkeit, alle Spielsachen zu benutzen, die der Tochter gehörten. Ich war das liebste Kind, wenn ich dort war. Man sah mich nicht und hörte mich nicht. So viele Spielsachen. Es war wie im Schlaraffenland. Die Tochter war die Sachen schon leid. Sie wollte lieber mit den Kindern draußen spielen. So konnte ich alles ungestört genießen. Und meine Mutter hatte die Gewissheit, dass wir Kinder uns zu Hause nicht in die Wolle kriegten. Wir waren nicht wie Engel, meine zwei Brüder und ich. Der große hetzte den kleinen immer auf, „hau die“, also mich. Den kleinen zu schlagen, war für mich leicht, dieser brüllte dann und ich war die Böse und bekam die Strafe. Ich bin vor einigen Jahren noch mal mit meinem Enkel und meinem Auto dort gewesen. Das Dörfchen war noch schöner, wie ich es in meiner Erinnerung hatte. Die Wiese, die mein schönster Spielplatz war, wo ich mir mit Raupen, Käfern, Mäusen und Schnecken die Zeit vertrieb.
Die Wege und heimeligen Gässchen waren wegen der vielen Gäste aus dem Ruhrgebiet wunderschön herausgeputzt. Die Hauptstraße, die Schule, der Bäcker, alles war schön, sauber und noch vorhanden, sogar der Winkel auf dem ich mich vor den Zigeunern in Sicherheit brachte. Denn wenn ich nicht artig war, sagte meine Mutter, die Zigeuner nehmen dich mit. Was ich natürlich glaubte. Die Nachbarn konnten sich sogar noch an uns erinnern. Hier in diesem Dorf hatten meine Eltern das kleine Anwesen erworben. Warum Vater überhaupt nach dort versetzt wurde. Ob es die gute frische Luft war, oder der Wunsch nach einer Firma? Immerhin hatte das getrennte Leben auch seine Tücken.
Am Anfang fuhr er mit der Eisenbahn von Barmen bis nach Solingen. Da ist es passiert, dass man ihm die gefüllte Brieftasche mit dem gesamten Monatslohn gestohlen hat. Durch die Aufregung konnte er lange Zeit kaum sprechen. Ich bin heute noch dankbar, dass ich diese Zeit erlebt habe. Mit 6 Jahren hat man mich in die Dorfschule aufgenommen. Ich war keine hervorragende Schülerin, als mittelmäßig würde ich mich eher bezeichnen. Ich hing lieber meinen Träumen nach als der Lehrerin zu zu hören, so dass ich einmal den Satz der Lehrerin vernahm: „ich bring dir demnächst ein Kinderrasselchen mit“.
Zu Hause mit meiner Mutter kuscheln, war das schönste, was es gab. Wenn Mutter die Hausarbeit beendet hatte, das Vieh versorgt war und wir sauber gewaschen vom täglichen Schmutz waren, dann gab es unser Dämmerstündchen. Wir saßen dicht gedrängt bei meiner Mutter und hörten ihrer glockenreinen Stimme zu, sie konnte herrliche Lieder, oder sie erzählte uns Märchen. Danach ging es dann schnell ins Bettchen. Der Ofen, der mit Holz geheizt wurde, tat mit seinen knisternden Flammen seinen Segen dazu. Die Luft im Dorf war wirklich ein himmelgroßer Unterschied zwischen der nach Ruß und schwarzen Partikeln stinkenden Stadt. Ein weißes Hemd konnte man nur einen Tag anziehen und die Fensterbänke waren jeden Tag neu mit schwarzem Staub bedeckt. Bis in unser Dorf kam die schmutzige Luft nicht. Hier war alles rein und sauber.
Mein vier Jahre älterer Bruder war schon Mutters Stütze. Er hat schon viele Arbeiten ausgeführt, damit Mutter entlastet war. Heute würde man das als Kinderarbeit bezeichnen. Ich glaube aber, dass er im späteren Leben davon profitiert hat. Als ich einmal helfen sollte, das trockene Heu in die Scheune zu bringen, bin ich gleich durch ein faules Brett auf den Zementboden gefallen und hatte eine stark blutende Wunde am Kopf.
Als ich 7 Jahre alt war und in die nächste Klasse kam, wurde das Dorfleben wieder beendet. Es ging zurück nach Bottrop. Mich hat man kurz mal eben nach Hannover zu der Schwester von Mutter geschickt. Ich bekam ein Schild um den Hals mit Heimat und Zieladresse und ab ging es mit der Eisenbahn auf große Fahrt. Ich saß vorne im Abteil des Schaffners, der mir half, ein- und aussteigen. Ob ich Angst hatte, weiß ich nicht, wozu denn, es passte ja jemand auf mich auf. Zudem war ich nie ein ängstliches Kind. Im Gegenteil ich genoss die Fahrt an grünen Auen und belebten Stätten vorbei und hatte meine Freude daran. Es war ja meine erste Reise mit der Eisenbahn.
Meine Tante Lina erwartete mich in Hannover am Bahnhof. Ich erkannte sie sofort an ihrem wunderbaren großen Hut. Sie empfing mich liebevoll. Das Haus aber war mir vollkommen ungewohnt, sauber und vornehm, für mich Landkind vollkommen fremd. In dieser Nobelherberge zog man an der Haustür zunächst die Schuhe aus und betrat mit Puschen die Wohnräume. Den Onkel bekam ich kaum zu sehen, was der für einen Beruf hatte, weiß ich bis heute noch nicht. Zu dem Haushalt gehörte eine 5 Jahre ältere Cousine. Die sich mir gegenüber schon als Dame aufspielte. Sie hatte viele Freundinnen und konnte mit mir Bauernwuschel nichts anfangen. Sie durfte schon abends ausgehen. Ich fühlte mich einfach nicht sehr wohl, unter ihren gestrengen Augen. Ich konnte ja auch alles nicht sogleich lernen. Meine Tante aber versuchte es mir so schön wie möglich zu machen, dass sie ein fromme Frau war, hatte ich schnell begriffen, denn sie betete, der liebe Gott möge uns helfen, den schweren Wäschetopf vom Kohleofen zu heben. Mit dem Puppenwagen der Cousine durfte ich aber spielen und auch mit ihren Kaninchen. Damit war ich vollkommen zufrieden.
Ich war jedenfalls froh, das noble Haus bald wieder zu verlassen. Natürlich auf die gleiche Weise, wie ich gekommen war. Nur diesmal in die Stadt Bottrop. Hier hatten meine Eltern eine schöne Wohnung eingerichtet. Es gab sogar einen wunderschönen Teppich im Wohnzimmer. Wen er auch nur aus Sisal war, er machte das Zimmer viel wohnlicher und die zwei handgemachten Schränke, die meine Mutter als Erbteil von ihrem Schwager erhalten hatte, kamen wunderschön zur Geltung. Die Wohnung war größer und der Garten viel kleiner, die Tiere fehlten aber vollkommen. Was wird meine Mutter froh gewesen sein, dass sie der schweren Arbeit entronnen war. An dieser Wohnung erkannte man eindeutig ihre Handschrift. Wir hatten zwar eine Wasserleitung in der Wohnung, aber auch einen Brunnen.
Dieser Brunnen spielte eine sehr wichtige Rolle für mich bei diesem Umzug. Das Wasser wurde zum Reinigen von grobem Schmutz für Gemüse und Kartoffeln verwendet. Beim Wasserschöpfen kamen allerdings, weil es nicht so oft passierte, tote Frösche, Käfer, glitschige grüne Algen und auch faule Blätter von den Bäumen mit nach oben. Manchmal aber lebte auch ein Tierchen noch, dem musste ich doch helfen, ins normale Leben zurück zu finden. Das war dann wie auf der grünen Wiese in Witzhelden. Das nahm Zeit in Anspruch. So dass Mutter schimpfte: „Wo bleibst du denn?“
Ganz neu war für mich, mit Vater durch den Wald zu streifen, um Beeren zu sammeln oder Holz oder Kräuter. Das machte ich sehr gerne. Bei den Früchten hieß es oft: „Maria, komm mal her, hier sind viele“. Dann hatte er mir schon den Weg frei gemacht, dass ich gut dran kam. Und ich pflückte mit großer Begeisterung. Vater war ein guter Kenner von Heilpflanzen aller Art. Sie wurden getrocknet, gemahlen und mit Honig gesüßt als Arznei verwendet. Es schmeckte scheußlich. Dass wir mal einen Arzt benötigten, daran kann ich mich nicht erinnern. Möglicherweise musste meine Mutter sogar sterben, weil sie zu spät einen Arzt konsultierte. Meiner Mutter war das ganze Kräutersammeln zuwider, weil es so viel Staub aufwirbelte.
Ich versuchte also langsam in der großen Stadt und bei den Menschen anzukommen. Man merkte mir wohl an, dass ich nicht die gleiche Sprache sprach wie sie. So stand ich noch ein wenig fremd am Ufer der Bahnbecke, ein kleiner Bach, der früher manchmal Feld und Wiesen überschwemmte, – heute hat man ihm ein zementiertes Bett gemacht-, und schaute den Kindern zu, die sich in dem Wasser tummelten. Da kam jemand gelaufen, und stieß mich in den Bach. Ich konnte ja nicht schwimmen und hatte Mühe, da wieder raus zu kommen. Schwimmen hab ich erst 40 Jahre später gelernt. Es gab zwar ein Schwimmbad in der Stadt. Das kostete aber Geld, was ich nicht hatte.
Schulzeit
Nun fing für mich der Ernst des Lebens an. Ich wurde in die zweite Klasse der evangelischen Rheinbabenschule aufgenommen. Wir hatten, bedingt durch die Religionszugehörigkeit, einen täglichen Schulweg zu laufen von Stunden hin und zurück. Es gab einen Weg durch die Stadt. An diesem Weg gab es einen Kiosk, da konnte man für einen Pfennig ein kleines Löffelchen Salmiakpastillen kaufen.
Dann gab es einen Weg durch das Feld dort klauten wir die Rübchen vom Feld, die gesund waren und gut schmeckten. Es gab zwar Straßenbahnen und Busse, nur nicht direkt zu unserer Schule. Es war wohl zu kostspielig für die paar evangelischen, die aus der halben Stadt kamen, noch extra Busse einzusetzen. Wir hatten zwar freie Fahrt in der ganzen Stadt durch meinen Vater. Was nützte das nur, wenn kein Bus fuhr. Der Weg durch die Stadt führte an drei katholischen Schulen vorbei. Es war einfach nicht zu verhindern, dass wir uns beschimpften. Der beste Spruch hieß: „Evangelische Kraken im Pisspot gebacken, vom Teufel gerührt.“ Schlägerei entstand aus nichtigem Grund. Wenn wir aber Freunde zum Spielen benötigten, dann war die Religion vergessen. Die Zusammenstöße waren unvermeidlich. Da hat sich auch niemand drüber aufgeregt. Im Übrigen verlief meine Schulzeit ohne Probleme. Ich habe mich auch nie geschlagen mit anderen. Mein Zeugnis war, wie es war, immer durchschnittlich. Meine Eltern unterschrieben mein Zeugnis so wie es war ohne Kommentar.
Der zweite Weg war begrenzt von dem Feldeigentum der Bauern. Im Sommer war die Hitze das Problem auf dem langen Weg. Es gab nur Wiesen und Felder, an denen wir vorbei trotteten. Bäume und Häuser, die uns Schatten spendeten gab es auf diesem Weg nicht. Wir hatten freie Wahl, welchen Weg wir benutzen wollten, das hing meistens von meinem Freund Willi ab, der einer der 9 Kinder war, die diesen Weg benutzten. Der Vater vom Willi hat mir später mal erzählt, er hätte immer geglaubt, ich würde seinen Willi mal heiraten. Mir war aber davon nichts bewusst. Der Weg durch die Stadt war nur im Winter ein Problem. Wenn wir morgens um halb sieben (6:30 Uhr) aufbrachen, dann war der tiefe Schnee, der in der Nacht gefallen war, noch nicht geräumt. Es gab noch schneereiche Winter im Ruhrgebiet. Und wie nun Kinder einmal sind, es machte uns große Freude in den tiefsten Schnee zu steigen. So war es keine Seltenheit, dass wir mit nassen Schuhen und Strümpfen in der Schule ankamen. Dann durften wir uns rund um den Kanonenofen setzen, bis wir einigermaßen abgetrocknet waren. Das Lernen war dabei nicht ganz so wichtig. Wenn wir nach strammem Marsch endlich in der Schule ankamen, ertönte die Glocke zum Aufstellen in zweier Reihen. Und schweigend ging es in die Klassenräume. Ruhe und Ordnung war wichtig. Im Stehen wurde zuerst ein Gebet gesprochen:
„Unseren Eingang segne Gott, unseren Ausgang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen. Segne unser selges Sterben und mach uns zu Himmelserben. Amen”
Dann durften wir uns setzen, und es folgte die Sauberkeitskontrolle. Wir mussten unsere Hände auf den Tisch legen, die Lehrerin schaute genau hin, ob sie schmutzig waren. Dann gab es mit dem Rohrstock ohne Worte Schläge auf die Fingerspitzen. Das war sehr schmerzhaft. Darum waren sie meistens sauber.
Nach einem Unwetter kamen wir in der Schule an, da war das Haus, in dem wir unsere Schulhefte kauften, vollkommen weggeschwemmt, von dem Rhein-Herne-Kanal, der dort vorbei floss. Es sah schrecklich aus, ein riesengroßes Loch klaffte an der Stelle. Gut, dass sich die Menschen noch retten konnten.
Ich war keine besonders gute Schülerin, wenn meine Eltern Wert darauf gelegt hätten, wäre das Zeugnis bestimmt besser ausgefallen. Als Streberin kann ich mich überhaupt nicht bezeichnen. Während des Unterrichts schaute ich lieber zum Fenster raus und war vollkommen mit den Vögeln beschäftigt. Bis mich die Lehrerin aufrief. Natürlich wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Erst wenn der Pausenton vernehmbar war, bin ich wieder hell wach gewesen. Auf jeden Fall bin ich nicht sitzen geblieben. Erst im achten Schuljahr wurden wir mit der katholischen Schule vereint. Dort hatte ich zum Abschluss ein hervorragendes Zeugnis. Warum auch immer, die Lehrerin mochte mich und hat es verstanden, mich aus der Reserve raus zu holen. Es kann auch sein, dass sie meine Situation kannte, da war ich ja schon Mutterersatz. Und sie wollte mir einfach eine Chance geben.
In den Pausen war ich eine eifrige Spielerin. Wir machten Hickelkästchen, Pinnchen kloppen, Verstecken, in Holland steht ein Haus, Murmeln waren sehr beliebt. Die hatte leider nicht jeder, weil sie Geld kosteten. Auf jeden Fall, alles, was mit Bewegung zu tun hatte. Auch im Turnunterricht wurden sehr gerne Ballspiele gemacht.
Umzug
In der Bahnhofsstraße wohnten wir einige Jahre, vom siebten bis zum 12. Jahr. Dann hatte mein Vater sein Augenmerk auf einen alten Bauernkotten gelenkt. Wir hatten das Angebot ohne Miete in dem Haus zu wohnen, wenn wir es wenig in Ordnung hielten.
Das machte mein Vater mit großem Eifer. Möglicherweise glaubt er, er könnte das Haus mal kaufen. Natürlich extrem billig. Es gab neue Fenster, neue Türen, elektrisches Licht, und Wasser im Haus. Es wurde auf jeden Fall wunderschön erneuert, nur die Feuchtigkeit konnte nicht entfernt werden. Es roch immer wieder, vor allem im Winter, muffig. Nur von außen ist es nicht mehr fertig geworden. Da wurde meine Mutter krank. Sie hatte sich bei einem Bekannten, der immer in unser Haus kam, angesteckt. Leider tat das feuchte Haus noch sein Übriges dazu. So hatten sich das meine Eltern auch nicht gedacht. Er hat das Haus bis zu seinem Ende bewohnt. Dann wurde es abgerissen. Und ein großer Wohnblock ziert nun die Stelle.
Krankheit der Mutter
Die Tuberkulose war hoch ansteckend und zu vergleichen mit dem heutigen Krebs, fast unheilbar. Das feuchte Haus hat noch mitgeholfen, den Fall noch schwieriger zu machen. Ab dem Ehen Lebensjahr musste ich immer öfter die Tätigkeiten meiner Mutter übernehmen. Bei Klinikaufenthalten hatten wir für einige Wochen eine Hilfe von der N.S.V. oder von der Karitas. In den übrigen Zeiten standen wir mit unseren Problemen völlig allein. Unsere Verwandtschaft war zum größten Teil in Hessen also weit weg. Gekommen ist auch niemand. Ich ging ja noch zur Schule und musste dem Haushalt schon weitgehend vorstehen. Wenn wir mal eine Hilfe hatten, durfte ich mal wieder Kind sein. Eine dieser Damen machte Hefepüfferchen mit Mehl und Rosinen, die hervorragend schmeckten. Eine andere bereicherte sich an unserer Bettwäsche. Das war schlimm, so viel Wäsche wie heute, hatte man nicht.
Meine Nachbarsfreundin verführte mich, wenn die Luft rein war, also Vater und Mutter nicht zu Hause waren, zum Milchkaramellen herstellen, oder zum Omelett backen. Sie brachte einige Lebensmittel, die sie zu Hause stibizt hatte, und es gab gute süße Sachen. Die Heidelbeeren kamen meist von mir. Dabei waren sie einmal auf meinem Pulli gelandet. Manchmal wollte sie mir aber auch helfen, dabei landete die Mistgabel nicht im Stroh, sondern in meinem Bein an der einen Seite rein und an der anderen wieder raus. Ich musste wochenlang mein Bein hoch legen. Am Anfang von Mutters Krankheit durfte ich schon nochmal Spielen. Die Vater- und Mutterrolle war sehr beliebt. Striche auf dem Hof waren das Haus. Darin stand mein Puppenwagen mit Puppen. Die ich nur besaß. Die anderen hatten nur ganz kleine Puppenkinder.
Der Vater musste gerufen werden, das Essen ist fertig, es gab Gänseblümchen und Löwenzahn. Er knöterte schon mal, dass es ihm nicht schmeckt. In späterer Zeit wurden richtige Häuser gebaut mit Ästen und Pappe, da war ich meist nicht mehr dabei. An unser Grundstück grenzte der Schlageter-Teich direkt dahinter das Naherholungsgebiet für die ganze Stadt. Der Teich fror im Winter zu. Das war unser Sportpalast, er diente als Rutsch-, Schlitten oder Schlittschuhbahn. Das Betreten war auf eigene Gefahr. An einem Heiligen Abend waren zwei Geschwister in dem Teich ertrunken. Da war uns das Schlittern vergangen.
Meine Freundin durfte immer spielen. Wir nur ganz selten, unser Garten war immer bereit, uns als Unkrautzupfer zu akzeptieren, das Franzosenkraut, ein unmögliches Unkraut, gedieh immer und überall. Auch das Schuhe putzen war unser täglicher Auftrag. Wenn sie nicht glänzten, mussten wir die Arbeit wiederholen, oder mussten 1000mal aufschreiben, war wir uns merken sollten. Schläge gab es für mich nur ein Mal. Durch die Krankheit meiner Mutter waren wir schon ein wenig isoliert. Das muss sehr hart für sie gewesen sein, denn sie war eine aufgeschlossene fröhliche Frau. Als ich mit neun Jahren zum ersten Mal nach Hessen kam, hat mich Vaters Bruder mit einem Pferdeschlitten von Wetter abgeholt. Ich kam außer nach Treisbach auch nach Hofheim, wie, das ist mir nicht mehr klar.
Die Schwester meines Vaters schenkte mir eine B.D.M. Kluft. Der Bund deutscher Mädchen war eine schöne Sache, zu der ich mich stark hingezogen fühlte. Dort wurde gesungen, gebastelt, gewandert. Eine Führungsrolle habe ich aber nie gehabt. Auch waren mir Hitlers Machenschaften fremd. Ich habe weder von Juden noch von der Verfolgung etwas gewusst, schon gar nicht von der Verfolgung. Ich gehörte jetzt zu meines Gleichen. Denn ein Berchtesgadener Jäckchen hatte ich schon von meiner Mutter. So war ich voll ausgestattet wie die anderen und gehörte fest dazu. Die Schlittenfahrt mit meinem Onkel ist mir noch heute lebhaft vor Augen. Feld und Flur waren weiß verschneit. Oben am Waldrand lief ein Fuchs, nichts war zu hören außer dem Trab der Pferde und dem Klappern vom Geschirr. Der Onkel war nicht gerade ein redseliger Mensch. Vorn meiner Mutter war ich etwas ganz anderes gewöhnt. Ich traute mich aber nicht die Feierliche Fahrt durch mein Geplapper zu stören. Alle Menschen, die ich dann in Treisbach kennen lernte, waren außer ihrem schweigsamen Wesen ganz in Ordnung.
Nur bei Tisch wurde gebetet und geschwiegen beim Essen. Später, als ich in Wetter lebte, fand ich sie sogar erstklassig.
Durch die Krankheit meiner Mutter wurden wir vom Gesundheitsamt überwacht. Wir mussten alle zwei Monate dort erscheinen und wurden untersucht. Ich weiß nicht, warum gerade ich, immer mal zur Kur geschickt wurde. Es hat sich niemand meiner Familie angesteckt. Meine Mutter achtete sehr darauf, dass wir nicht mit den Bazillen in Berührung kamen. Das erst mal wurde ich nach Köln in die Schnurgasse zu einem Ehepaar ohne Kinder geschickt. Sie hatten einen großen Garten. In diesem durfte ich mir ein kleines Gärtchen anlegen mit Salat und Radieschen und Blumen.
Es gab auch Kinder mit denen ich spielen konnte, leider hatte ich mir ein Drittes Mal verscherzt. Ich hatte aus Langeweile die unreifen Birnen vom Baum geschlagen und wollte es nicht gewesen sein. Meine Pflegeeltern wussten sehr wohl, dass ich es war. Drum wurde aus dem dritten Mal nichts.
Ein weiteres Mal kam ich zu einem Ehepaar auch ohne Kinder. Sie hatten eine Wäscherei. Dort machte ich mich nützlich beim Mangeln der Wäsche. Das wurde mit einem riesengroßen Eis mit Sahne honoriert. So etwas Gutes hab ich von zu Hause nicht gekannt. Meine vierte Reise ging an die Ostsee in ein Kinderheim. Es ging ein Sonderzug vom Hauptbahnhof ab. Es war ein großer Menschenauflauf, dabei hatte ich meine Mutter verloren, ich sah sie einfach nicht mehr, so konnte ich ihr nicht Winken und die Tränen kullerten auf der ganzen Fahrt bis ins Heim. Da hatten meine Tränen endlich aufgehört, und ich fühlte mich auch schnell wohl. Es gab sehr viel Fisch zu Essen und jeden Tag ein schreckliches Gesöff, den Lebertran. Im Übrigen war ich aber mit allem zufrieden. Hatte nette Kinder zu Freundinnen. Und die Menschen, die dort tätig waren, wussten, was man mit Kindern machen muss, die nicht zu Hause sein konnten. Wir wanderten fast täglich am Strand entlang, sangen dabei herrliche Lieder, lernten die ganze Gegend kennen. Es war wohl Frühjahr. Die Eisschollen schwammen noch auf dem Meer. Ich las später mal eine Karte, die ich nach Hause geschickt hatte. Drauf stand: „Liebe Mama, mir geht es gut, aber ich wünschte mir, dass du nebenan wohnst, dann könnte ich mal eben zu dir rüber gehen.“
Kriegszeit
Als ich das zweite Mal in Köln war, brach der Krieg aus. Meine Pflegemutter schickte mich in die Läden, um Kaffee zu hamstern. Ich hatte aber Angst, dass ich nicht mehr nach Hause konnte. Die Rückfahrt ging aber problemlos. Meine 5te Kinderlandverschickung sollte zu einer Gräfin gehen, ich musste aber geimpft sein. Das fehlte mir, weil meine Eltern das Impfen ablehnten. Es wurde aber noch schnell nachgeholt. Und ich wurde krank davon. So kam ich um die Krönung meiner Fahrten, dazu auch noch eine echte Gräfin kennen zu lernen.
Meiner Mutter ging es immer schlechter. Wir schoben sie über Tag in den nahen Tannenwald, mit einem Rollstuhl. Dort verlebte sie viele Stunden einsam und traurig, mit dem Bewusstsein, was sie nun zu Hause machen. Die Tannen verhalfen ihr, besser Luft zu bekommen. Wie viele Tränen sie da wohl vergossen hat, war uns zu der Zeit nicht bewusst. Sie hatte ja zu der Zeit noch drei Kinder zu Hause. Die sich recht und schlecht durch das Leben mogelten, zudem war ja Krieg und es gab wenig zu essen, alles nur auf Bezugsscheine. Vater, der den ganzen Tag im Dienst war, bekam Brot, Butter und Wurst meistens allein mit zur Arbeit, so dass wir hauptsächlich mit den wenigen Sachen aus unserem Garten auskommen mussten. Mein Vater backte schon mal auf der Herdplatte Kartoffelpfannkuchen ohne Fett. Mein Bruder brachte von der Bäckerei mal schon verunglückte Brotstücke mit nach Hause, die wurden in Kaffee (wenn es dann überhaupt gab es Malzkaffee, meistens war es eine Teesorte, den mein Vater gesammelt hatte) mit wenig Milch getunkt zum Abendbrot gegessen. Dann hat sich mein älterer Bruder verheiratet und auch seine Mitbringsel fielen aus. Meine Mutter bekam mal ein Täubchen geschenkt. Das habe ich ihr mitsamt Darminhalt gekocht. Woher sollte ich wissen, dass man es vorher ausnehmen muss. „O, weh“ jammerte meine Mutter „was hast du denn da gemacht“. Schade, so kam sie um den herrlichen Genuss, ich weiß nicht mehr, ob man davon etwas essen konnte. Vater brachte mal ein Paar Zuckerrüben von der Straße mit, die kannte ich noch nicht und kochte sie eifrig. Dann jammerte mein Vater, er wollte Sirup davon machen.
Vom Feiern
Geburtstage hat man fast gar nicht gefeiert in meinen Kindertagen. Meine erste große Feier war meine Konfirmation. Vater und Mutter gehörten einer Freikirche an, ließen mir aber meinen freien Willen. So dass ich meine Entscheidung für diese Feier treffen konnte. Ich wollte nicht abseits stehen. Ich wollte das machen, was alle machten. Mit einer innerlichen Befürwortung hatte es aber wenig zu tun. Beim Unterricht saß ich gerne im hinteren Teil der Bänke. So dass der Pfarrer mich nicht so gut sehen konnte. Weil Mutter schwer krank war, gab es keine Einladungen und keinen Kuchen. Wenigstens über ein wunderschönes Samtkleid, das Mutter mit Schafwolle erstanden hatte, und über ein paar neue Schuhe konnte ich mich freuen. Von Geschenken ist mir nichts in Erinnerung geblieben. Der Tag verlief wie jeder andere.
Ob es sehr weh tat, kann ich nicht sagen. Ich wusste ja nicht, wie die anderen Kinder den Tag verlebten. Rundum waren die Kinder katholisch. Aus diesem Grund war mir das gar nicht so zum Bewusstsein gekommen. Ich war lediglich zufrieden über mein neues Kleid. Die neuen Schuhe drückten mich, sie waren verformt durch das immerwährende Tragen, von den ausgelatschten Schuhen meines Bruders. Ob meine Eltern mit in der Kirche waren, weiß ich auch nicht. Oder eventuell meine Brüder, ist mir nicht bewusst. Mein älterer Bruder feierte Hochzeit, an der auch keiner teilnahm. Mein Vater hatte sich mal mit meiner Schwägerin überworfen. Er hatte sie sogar aus der Straßenbahn geworfen. Das war eine schlimme Sache, die eigentlich nur die beiden anging. Letztlich hatten wir alle darunter zu leiden. Sie wäre gut gewesen, unseren schlechten Haushalt wieder in gute Bahnen zu lenken. Die Eheleute zogen in die Wohnung von Mutters Freundin, die gestorben war, und die mir einige Zeit vorher, meine Puppen abgeluxt hatte. Sie war tot und ihre Tochter betrachtete meine Puppen als ihr Eigentum und nahm sie mit nach Hause. Sie wohnte in Hagen. Eine Adresse war nicht vorhanden. Und ich war das Beste, was ich besaß, einfach los. Ich habe bis heute nicht verstanden, dass ich mich nicht darum bemühte, sie wieder zu bekommen. Diese Puppen hatte ich einmal zu Weihnachten von meiner Tante Lisa aus Hannover. So ein wertvolles Stück hätten mir meine Eltern nicht kaufen können. Ich hegte sie wie einen Diamant, wusch oft die Kissen und staubte den Puppenwagen. Diese Person nimmt sie mir einfach weg.
Eines Tages schrie meine Mutter „Feuer“, „Feuer“. Wir kamen aus unseren Betten und mussten zusehen, wie unser Stallgebäude in hellen Flammen stand. In diesem Stall waren eine Ziege, Schwein und Hühner sowie Kaninchen. Es waren 5 Familien, die auch ihre Toiletten da drin hatten. Die Bedürfnisanstalt musste von Zeit zu Zeit entleert werden. Sonst waren sie aber in Ordnung. Das heißt, im Winter konnte man gut frieren, wenn man sie benutzte. Toilettenpapier gab es noch nicht. Es wurde geeignetes Papier zu sauberen Papierstücken geschnitten. Das war’s. Wir bekamen dann ein neues Stallgebäude. Das war aber die Sache des Vermieters. Vater hatte uns einen Bunker gebaut. Er war nicht wasserdicht. Backsteine waren auf dem Boden. Darüber gab es Bretter, auf denen man in gebückter Haltung laufen konnte. Was später mit diesem Bunker geschah, das weiß ich nicht. Der Platz war ja später mit dem großen Wohnhaus verbaut worden. Ich war zu der Zeit ja schon in Hessen.
Über den Tod der Mutter
Eines Nachts, ich weiß nicht, ob ich geträumt habe oder was, ich wurde wach und hörte eine Stimme, die sagte, deine Mutter stirbt, aber halt dich am Kreuz fest, dann wird alles gut. Ich sah das Kreuz richtig am Fenster. Ich stand auf und ging in die Küche, wo Mutters Bett stand. Vater saß an ihrem Bett. Und sie schlummerte in eine andere Welt. Sie hat mich nicht mehr wahrgenommen. Ich hätte sie zu gerne noch mal gedrückt. Vater riss mich aber schnell weg, wegen der Ansteckung. Zur Beerdigung kam Vaters Schwester, deren einziger Sohn im Krieg gefallen war. Sie nahm meinen kleinen Bruder gleich anschließend mit nach Treisbach. Es war für beide Teile nicht so einfach. Was mir dabei schlimm vor kam, war dass wir eine offene Mutter hatten und dort gab es nur Menschen, die nicht viel sprachen. Das war für den 11jährigen sehr schlimm.
Er hat mir später erzählt, dass er sich oft in den Schlaf geweint hat. Das kann ich gut verstehen, denn die Tante war bestimmt willig, ihm die Mutter zu ersetzen, eine Mutter kann sowie so niemand richtig ersetzen. Und im Besonderen unsere gute Mutter nicht. Für mich war es aber gut, so hatte ich nur meinen Vater zu versorgen. Auch das war für mich noch schwer genug. Mein Vater sagte, du musst auch mal hamstern gehen. Ich tat es, sehr ungern, nahm einen großen Koffer und glaubte, der wird schon reichen. Da ich nichts zu Tauschen hatte bekam ich auch nichts.
Nur bei einem Hof ein gut geschmiertes Butterbrot und an anderer Stelle einen Teller Eintopf. Der Hund saß während ich aß neben mir, das ich nicht etwas klauen konnte. Das hätte ich sowieso nicht gemacht. Wir waren schon so erzogen, dass man niemand was nehmen durfte. Betrübt fuhr ich mit meinem leeren Koffer nach Hause. Meine Freundin hatte mehr Glück. Sie brachte Kartoffeln, davon wurde Kartoffelsalat gemacht. Sie brachte mir ein Schälchen. So wie dieser bescheidene Salat geschmeckt hat, so gut war er nie mehr.
Wie es nach dem Tod der Mutter weiter ging
Ich nahm eine Halbtagsstelle an. Im Villenviertel bei einem Arzt. Verdiente 25 Mark im Monat. 20 musste ich meinem Vater abgeben und 5 Mark durfte ich für mich behalten. Diese 5 Mark habe ich immer sehr schnell für Kinobesuche ausgegeben. Das war das einzige, was mir außer BDM wertvoll war. Leider war aber mein Vater dagegen. So spitzte ich immer genau ab, wann er Dienst hatte und wann er nach Hause kam. Wenn der Film aus war rannte ich wie ein D-Zug nach Hause, wenn nicht gerade ein Bus fuhr; schmiss mich ins Bett und schlief. Anscheinend hatte er es nicht gemerkt, denn er hat nie etwas gesagt. Die Heimatfilme mit Zarah Leander und Hans Söhnker waren sehr anziehend für mich. So stand ich einmal vor dem Kinoeingang in einer Schlange, vor mir eine Dame mit einem kessen Hütchen, mit einem Band am Hinterkopf, über dieses Band krochen Läuse im munteren Reigen hin und her. Ich erinnerte mich an meine Schulzeit, da meine Mutter mit Entsetzen: „Lieber Himmel, du hast Läuse!“ rief. Ich musste der Schule fern bleiben. Mein Kopf wurde mit einer stinkenden Flüssigkeit eingerieben und immer wieder mit einem Staubkamm gekämmt. Das war keine so schöne Sache. Ich frag mich heute noch: Mit so viel Tieren auf dem Kopf zu leben, das hat doch schrecklich gejuckt!
Als wir noch jünger waren, mussten wir immer mit den Eltern in eine Freikirche. Das war die langweiligste Geschichte der Welt. Die Versammlung von etwa 10 — 15 Personen fand in einem Wohnzimmer statt, dort gab es Schränke mit geschnitzten Seitenteilen. Da spielten wir mit den anderen oft Kasperle. Natürlich auch nicht immer lautlos, unseren eigenen Gottesdienst. Mein Vater behauptete immer, wir sind die einzig Richtigen auf der Welt. Wie kann man nur so verbohrt sein? Ich habe viele Debatten mit meinem Vater geführt, es war aber zwecklos. Er ließ sich nicht beirren.
Es war Krieg
Es war ja Krieg, und es gab nichts zu kaufen. Man musste sich auf andere Weise Sachen zum Anziehen beschaffen. Mein Vater hatte wunderbare schöne gestrickte Strümpfe. Die wurden aufgeribbelt und es gab einen Pullover. Oder auch von Zuckersäcken,- das war irgendwie eine Kunststoffart-, konnte man schöne Sachen herstellen. Als Ami eingezogen war hat alle Welt Mäntel aus Wolldecken getragen. Einen Hut meiner Mutter modelte ich um, mit Feuchtigkeit und einem Bügeleisen. In ihre Überschuhe steckte ich in die Absätze Papier und ging damit stolz in die Schule.
Da drängte mich dieser schöne Mann, mit ihm ins Bett zu gehen. In meinem Kopf hieß es ständig: Maria nein, Maria nein, mach das nicht. Er fährt wieder zur See, und eine Pille gab es ja noch nicht. Ich hatte natürlich Recht. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Die wackelnde Decke war mir ein erstes Warnzeichen, auf jeden Fall ein erstes Signal: Hüte dich vor dem Alkohol.
Meine Freundinnen luden mich ein, mit ihnen in ein Lokal zu kommen. Da war es immer so schön. Was ich aber dort erlebte, war mir ein Greul. Junge Menschen gerade mal 16, 17 Jahre alt, soffen und grölten und übergaben sich um die Wette. Das war nichts für mich. Da kam die Erziehung meiner Eltern zum Vorschein und ich habe mir geschworen, nie mehr Alkohol zu trinken. Das habe ich bis in mein hohes Alter gehalten. Ich kann mal ein Likörchen trinken, muss es aber nicht. Mein Vater hätte mir das sowieso nicht erlaubt. So war es weiter kein Problem.
Der Krieg mit all seinen Schrecken rückte immer näher. Wir saßen in unserem Bunker. Es war Fliegeralarm. Da hörten wir das Zischen der vom Himmel kommenden Brandbomben. Mein Bruder schaute vorsichtig nach und schon war er von seinem Ausguck verschwunden. Er hatte eine Brandbombe in unserem Haus mit Sand erstickt. ER war noch nicht wieder im Bunker, da fielen die Sprengbomben hinter her. Bis in unseren Bunker flog der Dreck. Gott sei Dank, mein Bruder kam unversehrt wieder im Bunker an. In dieser Nacht mussten 15 Personen in unserer Straße ihr Leben lassen. Sie wurden in einer Reihe auf dem Friedhof beerdigt. Heute noch kann man die Gräber sehen. Ein anderes Mal schliefen wir ruhig in unseren Betten. Da gab es einen schrecklichen Schlag und rund um unser Gesichtsfeld ein furchtbares Flammenmeer. Ein Flugzeug war mitsamt seinen Bomben in den nahen Wald gestürzt, nur drei Häuser von uns entfernt. „Papa, Papa, die Welt geht unter“, waren meine Schreie. Als der Tag begann, konnte man die Menschen auf der Straße liegen sehen, die das Flugzeug gesteuert hatten. Ich war bei meiner Freundin im Keller. Da rollten Panzer durch den Wald. Genau vor unserem Haus gab es eine Panzersperre über die kein Panzer konnte. Die Soldaten stiegen ab von dem Fahrzeug und durchsuchten das Gelände. Dabei fanden sie meinen Vater und glaubten wegen seiner Uniform er gehöre dem Volkssturm an. Sie trieben ihn vor sich her und hatten ihre Gewehre auf ihn gerichtet. Da kam schon der zweite Panzer angerattert und schoss auf den ersten.
Die Soldaten ließen meinen Vater stehen, und machten dem anderen klar, dass es nicht weiter ging. Mein Vater nahm seine Beine und rannte in den Bunker. Als sie am anderen Morgen die Wohnungen durchsuchten, riss man als erstes das Hitlerbild von der Wand. Und sämtliche Hakenkreuze auf Vaters Uniform wurden mit Gewalt entfernt. Pechrabenschwarze Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, suchten nach den Tieren, von den Federn, die sie in der Hand hielten. Die hatten wir schon selber gegessen. In der Nacht war ich ja bei meiner Freundin im Keller und wollte gern in mein Bett. „Wir müssen uns ergeben, Liesel“, und hängten einen Bettbezug an einem Besenstiel aus dem Kellerfenster. Ein Loch wurde in der vorgesehenen Stelle in die Wand geschlagen. Und ganz vorsichtig kroch ich da raus, schob mich über eine kleine Hecke. Da fielen Schüsse. Ich bin aber gesund in unserem Keller angekommen, sonst wäre ich heute nicht hier.
Bald danach war der Krieg zu Ende. Wir konnten einen neuen Anfang machen. Die schrecklichen Stunden im Bunker und die unfassbaren Erlebnisse vergessen. Unsere guten Möbel waren wegen der Bomben in Treisbach deponiert. Als sie zurückgeholt wurden, war es aber nicht so ganz einfach. Es war ja so viel zerstört, und nichts ging seinen normalen Gang. Ich erinnere mich, ich saß auf einem Bahnsteig und musste auf die Sachen aufpassen und mein kleiner Bruder auf dem anderen. Damit uns niemand etwas weg nehmen konnte, während mein älterer Bruder und Vater die Sachen, unter anderem Kartoffeln und Obst, und die Möbel von einem zum anderen Bahnsteig trugen. Was ich gemacht hätte, wenn uns jemand etwas genommen hätte, weiß ich auch nicht. Es ist ja auch gut gegangen. Alles zusammen wurde dann auf einen geladenen Kohlenzug mitsamt den Menschen. Wie wir natürlich dabei aussahen, nachdem, kann man sich denken. Meine größte Sorge war, dass wir gesund unter den Brücken durch kamen. Ich habe auch schlimm gefroren. Der Zug fuhr nicht gerade langsam. Alles ist gut gegangen. Vom Nordbahnhof, wo wir ankamen, war es nicht mehr weit bis zu unserer Wohnung, wie das ging, ist mir nicht mehr in Erinnerung.
Die Zeit in Wetter nach dem Krieg
Eines Tages kam ein Brief von Tante Marie, deren einziger Sohn gefallen war, und sie bewohnte das Elternhaus meiner Mutter. In dem stand zu lesen, ich sollte zu ihr kommen, sie in ihren alten Tagen unterstützen und danach das Haus erben.
Sie hatte schon 3 Kinder von ihrer jüngsten Schwester ausprobiert. Die aber alle drei nicht geblieben sind. Der Kleinste hat immer gesagt, hier darf man auch gar nichts auch gar nichts darf man hier. Das wurde spaßhalber so erzählt. Es war aber tatsächlich so. Man durfte keine eigene Meinung haben, es musste gemacht werden, was sie sagte. Mein Vater hat mich gewarnt. ER kannte sie ja schon. Ich aber war Feuer und Flamme, nur weg von meinem strengen Vater. Wir kamen doch eh nicht recht zusammen, seine Nörgelei und sein Sparzwang hatte ungeahnte Formen angenommen. Jeden krummen Nagel, den er fand, klopfte er gerade und verwahrte ihn in kleinen Schachteln. Jedes Taschentuch, was er irgendwo entdeckte wurde gewaschen und benutzt. Auf der Müllkippe fand er angebrannte Steppdecken. Sie wurden abgeschnitten, nicht mal gewaschen und benutzt. In meinen Augen war das nicht nötig, unsere nötigste Bettwäsche hatten wir ja und es gab ja schon die Hoffnung, dass man bald wieder etwas kaufen konnte. Als er gestorben war, kam all seine unnütze Arbeit auf den Müll. Ich war ja nicht dabei, weil meine Margarete zur gleichen Zeit geboren wurde, möglicherweise hätte ich das eine oder andere gerettet. Denn ich ertappe mich dabei, dass ich ebenso sparsam sein kann wie er. Meine Tochter hilft mir oft mal, etwas weg zu werfen.
Also ich ging gegen meines Vaters willen nach Hessen. Die Welt dort war bedeutend heiler wie in der Stadt. Nicht mal die Haustür schloss man über Nacht ab. Das wäre bei uns unmöglich gewesen. In Bottrop klaute man am hellen Tag die Kaninchen aus dem Stall, wenn er nicht verschlossen war. Alles, was nicht Niet und Nagel fest war, bekam sehr schnell einen neuen Eigentümer. Das gute aber, es gab genug zu Essen. Meine Hungerzeit hatte ein Ende. Dafür musste ich aber hart arbeiten. Einmal die gesamte Hausarbeit und im Sommer fast jeden Tag auf einen anderen Acker. Die meiste Arbeit wurde mit Ware bezahlt, wenn es wirklich mal Geld gab, habe ich nichts davon gesehen. Darum war ich vom Regen in die Traufe gekommen. Alles habe ich zur Zufriedenheit gemacht, sonst hätte mich ja niemand zur Hilfe geholt. Alle Arbeiten, die ich später bei meinen Schwiegereltern gemacht habe, habe ich da gelernt. Die Tante war zufrieden und ich schaute mir den Laden an und habe ihn für gut befunden. Das lockende Angebot, eine Gitarre spielen zu können, zog gewaltig. Viele junge Leute gab es zum Diskutieren, aber auch was verkündet wurde, sprach mich an. Vordem hatte ich ja von Kirche nicht viel mitbekommen.
Bei Wanderungen gab es viel Spaß, vor allem aber sah ich einen jungen Mann im Saal sitzen, der rasierte Haare hatte. ER war vom Krieg zurückgekommen, von der SS, wo er seinen Dienst gezwungener Maßen und ungern tun musste. Dieser Mensch zog mich sofort an. Ich stand vorne auf dem Podium mit meiner Gitarre, wo ich ihn gut beobachten konnte. Nachdem mich die Menschen auf der Gasse verhöhnten, wusste ich, da gibt es sogar einen Mann für dich. Denn sie sagten, wenn du zu den Frommen gehst, kriegst du doch keinen Mann.
So gingen meine Tage dahin mit der Arbeit bei meiner Tante. Es wurde Rübenhonig gekocht und Schweine geschlachtet. Tante stand immer nur dabei und kommandierte. Ober bei den Bauern, wo ich von Anfang des Jahres bis zu Ende desselben immer wieder unterwegs war. Ein Bauer hob sich besonders hervor. H. Gäckler, die Eltern von diesem Mann sahen mich schon als ihre Schwiegertochter an. Ich mochte den Jungen aber nicht, zumal er viel älter war als ich. Immer wenn ich auf seinem Acker war hing er wie eine Klette an meiner Seite. Da konnte ich ja nicht ausweichen. „Ich kriege dich noch schwarzer Engel“, war sein Sprichwort. Er hat es aber nicht geschafft. Obwohl er meiner Tante versprach, ich füttere euch jedes Jahr ein fettes Schwein, wenn ihr mir das Mädchen gebt. Und ich fahr euch mit meiner Kutsche spazieren. Sie hat ihm auch nicht geholfen. Immer mal wieder hörte ich sein schönes Lied vom Edelweiß von ihm, wenn er hinter unserem Haus auf der Mauer saß, später frug er manchmal: „Hast du mich gehört? Warum kamst du nicht mal raus?“
Während ich auf den Ackern rumstolperte, schleppte meine Tante einen Witwer herbei. Er war ein Beamter, hatte vier Kinder, seine Frau war gestorben. Er saß auf dem Sofa wie ein Stockfisch, wahrscheinlich war ihm die Verkuppelung auch nicht recht. Ich hätte ihn nie genommen, wenn er noch gleich eine so gute Partie war. Warum eigentlich musste meine Tante bestimmen, wen ich heiraten sollte. Das war doch zu der Zeit schon keine Mode mehr. Und es waren ja schon so viele vorhanden, die einen Versuch starteten. Trotzdem ich nicht auf dem Tanzboden zu sehen war. Ich wollte einen, der mir gefiel. Keinesfalls das Gegenteil. Ich wartete nur auf einen, der mich auch bald fragte. Da war alles andere zwecklos. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass das nicht ihre Wahl war. Nun brachte ich ihnen einen Schreiner, der fleißig und tüchtig war.
Nur weil der Onkel eine Hobelbank und ein paar kleine Maschinen hatte, darum wollten sie einen Schreiner. Den Beruf von Heinrich wusste ich ja zuerst nicht. Das spielte in meinen Augen auch keine Rolle. Es gab viele Auseinandersetzungen, die immer wieder darauf hinaus liefen: „Lass den laufen.“ Bis zu dem Tag, wo es hieß, „also, Mädchen, du kannst wählen! Entweder den Mann oder das Haus.“ Die Tante hat natürlich geglaubt, ich würde auf den Mann verzichten. Das man auf ein so wertvolles Haus verzichten würde, hat sie nicht für möglich gehalten. Das ich den Mann wählte, ist mir kein bisschen schwer gefallen. Ich hätte ja einen Versuch machen können, versprach mir aber nichts davon. Ihr Mann hat wahrscheinlich nicht gewusst, warum ich ausgezogen bin. Denn er kam viel später mal auf den Zimmerplatz, und fragte, „warum bist du von mir weggegangen? Ich hätte dir einen Pelzmantel gekauft und ein Auto“. Ich konnte nur lächeln. Nach mir haben sie dann ein Kind aus Onkels Verwandtschaft aufgenommen. Ich hatte mich mit allen versöhnt. Und die neuen haben mir so manches erzählt, was da vorgekommen ist. So dass ich froh war, dass ich weggegangen bin.
Mein Vater wollte sie anzeigen. Er sagte, du hast vier Jahre umsonst für sie gearbeitet. Das soll sie bezahlen. Ich ließ es nicht zu. Obwohl die Tante mir sämtliche Geschenke, die von ihr waren, wieder wegnahm, habe ich mich nicht gemukst. Solche Kindergeschichten waren mir zu blöd, um mich auch noch zu zanken. Im Grunde waren sie bedauernswerte Menschen. Mein Mann hatte die Größe, mich zu heiraten. Auch ohne Haus. Das war überhaupt keine Rede wert. Mein Mann brachte mich zu seinen Eltern, vor allem meine Schwiegermutter hat mich herzlich aufgenommen…. Es war nicht ein einziges Mal die Frage, was hast du oder was bist du? Ich war ja wirklich arm, nur was ich an meinem Leibe trug, war mein. Ich war doch jung und konnte noch viel bezwecken und faul war ich schon gar nicht. Möglicherweise hat man mich ja auch schon mal ein bisschen entdeckt. Ich schwofte ja schon einige Jahre in den Kreisen rum. Zugegeben, mein Heinrich gab sich auch nicht die geringste Mühe, mit ihr klar zu kommen. Mich hatte er ja. Den Kampf wegen einem Haus aufzunehmen, war ihm zuwider. So wie er, so sah auch ich, dass es ein aussichtsloser Kampf war. Heinrich hatte noch dazu seine Mutter auf seiner Seite.
In Marburg
Ich war zuständig für Putzarbeiten, die Wäsche, den Tisch decken, und das Servieren von Mahlzeiten. Gekocht wurde von einer Oma und einer Tante. Um die Mahlzeiten schmackhaft zu bekommen, benötigte man sehr viel Fantasie. Es gab ja immer noch nicht viel zu Essen. Sie verstanden es, mit selbst erdachten Rezepten, ein gutes Essen zu zaubern. Das Spülen war meine Aufgabe. Dabei half mir schon mal die Tante. Eine Spülmaschine gab es nicht. Nach dieser Arbeit musste ich das Annedorle und das Hattilein hüten. Was ich mit den zwei süßen kleinen machte, war mir überlassen. Sandkasten oder Stadtbummel.
Hauptsache, die Herrschaften wurden nicht gestört. Ich brachte es fertig, bis nachts um 12 Uhr den Sportwagen zu säubern und die Anziehsachen zu bügeln. Damit ich am nächsten Tag stolz einen Stadtbummel machen konnte. Ich kam mit den Kleinen sehr gut zurecht, habe nie mit ihnen schimpfen müssen. Woran das lag, weiß ich auch nicht. Sie hatten ja ein sauberes und gesundes Umfeld. Auch ich selbst habe nie eine Rüge hinnehmen müssen. Im Gegenteil, am Anfang bekam ich 25 DM im Monat. Recht bald bekam ich von selbst 30 DM. Man hatte wohl festgestellt, dass man mich gebrauchen konnte. Wenn wir Bummeln gingen kamen wir an drei Bäckereien vorbei. Da wollte ich oft mal ein süßes Teilchen kaufen. Hab es mir aber immer versagt. So kam ein Groschen zum anderen in die Spardose. Für Wäsche und Handtücher.
Meine Großmutter hatte einen Bruder, der war Missionar in Australien. Meine Tante hatte dorthin gute Verbindungen. Sie schrieb den Leuten, dass bei ihr ein Mädchen wohnte und arm war. Da rief die Pfarrfrau auf, und bei uns in Deutschland kamen wundersame Pakete an. So wurde ich mit australischen Sachen eingekleidet. Was nicht passte, wurde etwas verändert, und was wir nicht wollten, bekamen andere. Die Tante hatte mir ja ihre Geschenke wieder weggenommen aber diese Sachen hat sie mir gelassen. Durch die Dankeschreiben, die nach Australien flogen, lernte ich alle 12 Kinder von dem Pastor kennen, zum Teil persönlich. Ich erzähle später noch davon. Ich jedenfalls konnte in Marburg stolz die Sachen präsentieren.
Alle 14 Tage hatte ich frei. Dann stand mein Heinrich mit seinem Fahrrad schon vor der Tür. Und wir radelten dann glücklich und ungezwungen durch Gottes wunderschöne Welt. Zu Hause angekommen, da hatte seine Mutter ein wunderbares Essen gekocht.
Und herrlichen Hefekuchen gebacken. Es war ja schon mehr wie 10Jahre her, dass ich so gut bewirtet wurde. Wahrscheinlich gab es noch einen anderen Grund, warum man mich so lieb aufgenommen hat. Meine Schwägerin wollte Diakonisse werden. Und solange mein Schwager nicht verheiratet war, konnte sie nicht fort. So war ich ein von Gott geschicktes Hilfsmittel, das der Weg frei war für diese Schwägerin. Dieser Hof hätte schon einen Knecht haben müssen. Darum konnte meine Schwiegermutter die Arbeit nicht schaffen. Ich hatte vier Jahre wertvolle Zeit verloren. Nun musste ich wieder bei Null anfangen. Dass man mir so großzügig dabei half, war wie ein Wunder. DA ich von zu Hause aus Pflicht und Ordnung gelernt hatte, ist es mir auch gar nicht so schwer gefallen, meiner guten Schwiegermutter, eine tüchtige Hilfe zu sein. Auch mit meinem Schwager verstand ich mich bestens. Wir sind nicht ein einziges Mal aneinander gekommen. Zunächst wollte ich es als Dank verstanden wissen, später war es ein Muss. Vater wollte mich ja wieder nach Hause haben. Mein Heinrich eröffnete mir klar und deutlich, „Ich gehe nicht in die Stadt.“ Und ich wollte auf keinen Fall wieder in das muffige alte Haus. Wie sich das mein Vater gedacht hat, ist mir nicht klar, denn das Haus wäre für uns beide ja viel zu klein gewesen. Es besaß ja nur zwei Stuben und eine kleine Kammer, wo nur ein Bett rein ging. Es war meine ehemalige Schlafstatt, wo ein kleiner Schrank in einer Nische angebracht war aus Apfelsinenkisten. Wir hätten anbauen müssen. Ob das genehmigt wurde, war eine Frage.
Die Hochzeit

Nach einem Jahr wollte mein Mann nicht mehr warten. Er hatte in dieser Zeit unsere Möbel, eine Küche und ein Schlafzimmer gebaut. Die Schwiegereltern zogen ein Kalb groß für die Hochzeitsfeier.
Es war wunderbares Wetter, so dass wir das Heu schon fertig in der Scheune hatten. Bis zur nächsten Tätigkeit war eine kleine Zeitspanne auf dem Acker entstanden. Ich konnte ein Kleid von der Nachbarin haben. So war alles aufs Feiern ausgerichtet. Nur eine Wohnung war nicht zu bekommen. Überall wurden Flüchtlinge einquartiert. Auch bei den Schwiegereltern wohnte eine Familie, die nicht im Geringsten daran dachten, auszuziehen. Trotzdem wurde ein Termin festgemacht für die Hochzeit. Ich hätte lieber noch gewartet, konnte mich aber nicht durchsetzen. Das Holz für die Möbel hatte er ja auch mit seinem Lohn bezahlt. Der Meister war sein Freund, er hat gewiss sogar mit geholfen, die Sachen fertig zu stellen. Das ging irgendwie unsichtbar an mir vorbei. Darum hatte ich nicht viel Mut, viele Gäste einzuladen. Ich hatte doch keinen Pfennig, irgendetwas dazu zu tun. Nur meinen Vater, meine Gote und die Pfarrfrau sowie die Oma kamen auf mein Konto. Vater hatte abgesagt, weil er mir böse war. Stattdessen kam mein Großvater. Meine Brüder waren gar nicht eingeladen. Daran war ich sicher selbst schuld, weil ich nicht wollte, dass es zu teuer wird. Wie dumm von mir.
Das hätte gewiss auch noch gegangen. Meine Brüder haben es mir aber nicht nachgetragen. Trotzdem war ich ein zufriedener Mensch. Es ging zu Fuß zur Kirche. Ich konnte kaum laufen, weil mich die Schuhe so sehr drückten. Lange habe ich es ertragen. Schließlich brach mir der Schweiß vor Anstrengung aus. Der Pfarrer hat es bemerkt, und holte einen Stuhl. Das war mein Glück, sonst wäre ich in der Kirche umgekippt. Nun hieß es, „Uuhh die Frommen müssen auch heiraten“. Es waren aber wirklich nur die Schuhe. Wir folgten dem Ritual, kein Sex vor der Ehe. So konnte es gar nicht sein. Heute sehe ich das lange nicht mehr so streng. Die blöden Schuhe haben mir die ganze Ansprache versalzen. Auch gekommen zur Feier ist der Pfarrer nicht. Ich weiß bis heute nicht, warum.
Die Pfarrersfrau las uns ein gutes selbstgemachtes Gedicht vor mit Lob auf meine Arbeit bei ihr, und dass sie mich ungern ziehen ließ. Auch von den Jungfrauen, die nicht genug Öl hatten, war die Rede. Dabei konnte ich jedenfalls zuhören. Denn die Schuhe waren gleich ausgezogen. Da der Platz zur Feier nicht ausreichte, konnten auch nicht mehr Leute an einer Feier teilnehmen wie 20 Personen. Meine Gote schenkte mir ein Kaffeeservice. Auch von den Pfarrersleuten bekam ich ein Kaffeeservice. Ich besitze es noch heute vollzählig. Vor ein paar Jahren habe ich auf einem Flohmarkt noch Ersatzteile entdeckt, so dass nichts fehlt. Es hat die ganze Sommergästezeit überstanden, und ich habe es heiß geliebt. Aber haben will es keiner. So füllt es weiterhin den Platz im Schrank aus.
Wenn ich überlege, so kann ich nur ohne übertreiben, sagen: „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig, ist des Menschen Leben.“ Was hat man sich gesorgt und bemüht, um alles zu bekommen, leider war es nur vom Winde verweht. Und Haschen nach Wind. Wäre es allerdings anders, so fehlte uns doch so viel, so unendlich viel. Es ist gar nicht so viel Besonderes an meinem Leben, dass ich es aufschreiben kann. Und doch war alles besonders. Eine normale Hochzeit wird von den Eltern, Opa, Oma, Tanten usw. ausgeführt. Ich aber hatte niemand nur eine schweigsame Gote und Großvater, die zudem mit den Vorbereitungen nichts mit bekommen haben. Wenn ich nicht diese gütige Schwiegermutter gehabt hätte, wäre es noch ärmer ausgefallen. Ich versuchte aber mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln aus dieser Misere raus zu kommen. Wenn Gott mir nicht alle die guten Herzen zugeführt hätte, wäre mein Tun vergeblich gewesen.
Ganz deutlich habe ich bei allem seine Führung und die Fäden seiner Macht erkannt und gesehen. Meine Schwiegermutter war nicht sehr gesprächig. Aber jede Tat und jede Geste sagte mir, dass sie es gut mit mir meinte. Nur einmal spürte ich, als ich ihr das Melken abnehmen wollte, dass sie möglicherweise den Gedanken hegte, ich könnte ihrem Sohn den Hof streitig machen. So wahr ich es schreibe. Es war auch nicht im Entferntesten meine Absicht. Sie machte mir deutlich, dass es Ludwigs Angelegenheit sei, ich müsste ja das Melken nicht können. Meine Schwager hat ja auch noch eine liebe Frau gefunden. So dass alles ins richtige Fahrwasser kam.
Wo wollen wir wohnen?
Dass wir keine Wohnung hatten, war meinem Mann nicht so wichtig. Ich (mir) schon. Ich wollte ja gern mein eigenes Reich haben. Immerhin wurden wir gerne geduldet, das machte alles leichter. Mein Mann, der im Übrigen von der Landwirtschaft nichts wissen wollte, was auch ein Grund war, warum ich mich so mächtig anstrengte, hätte uns ja auch mal helfen können. Das tat er nie. Er machte lieber Überstunden im Betrieb. Er hatte trotzdem stets seine Mutter auf seiner Seite. Unsere Möbel blieben erst mal in der Werkstatt stehen. Es sollte sich ja nur um kurze Zeit handeln. Das daraus fast 10 Jahre wurden, hätte ich nie für möglich gehalten. Wir hatten eine bescheidene Kammer, unsere Bettstatt mussten wir über das Fußende besteigen. Weil der Platz mit einer Liege und einem Bett voll ausgefüllt war. Ludwig war der jüngere Bruder von meinem Mann und war der Hoferbe. So war es jedenfalls vorgesehen. Leider war er noch nicht verheiratet. Weil es ihm so ergangen war, wie mir. Nur da gab die Mutter die Einwilligung nicht. Sie hat das Mädchen so beeinflusst, dass sie schließlich aufgab.
Also, Ludwig und ich, bestritten fast alles in der Landwirtschaft, als wenn es mein Eigentum wäre. Das meiste war mir vertraut, von der Zeit bei der Tante.
Auch im Haus nahm ich meiner Schwiegermutter vieles aus den Händen. So dass es nach einiger Zeit nicht mehr ohne mich ging. Ein Baby kündigte sich an. Wo soll das Körbchen stehen? Wo kann ich das Kind wickeln? Da wurde uns angeboten, die Ausziehstube zu benutzen, von meiner Schwägerin und der Tante Sophie.
Dort gab es ein richtiges Schlafzimmer mit zwei wunderbaren Betten, einem großen Schrank und Waschtisch. Wunderbar, immer nur mit dem Gedanken, lange geht das nicht mehr. Meine Tochter Hanna wurde dort geboren und wieder floss die Zeit. (Text von Seite 1.5b hier eingefügt und umgestellt)
Die Familie wird gegründet
Die Geburt der Tochter Hanna
Meine erste Tochter war geboren, ein rundherum schönes Kind. Und beim Älterwerden stellte ich fest, man konnte das Kind für alles gebrauchen. Als es aber noch im Körbchen war, wurde es gefüttert und ich ließ sie ein Bäuerchen machen. Sie wurde wieder zurück ins Körbchen gelegt, und ich sauste hinter den anderen her auf den Acker. Sie war dann ganz allein im Haus. Niemand hat ihr Weinen gehört, wenn sie geweint hätte. Da sie im Mai geboren ist, muss das eine lange Zeit so gegangen sein. Wenn ich vom Acker wieder zurückkam, lag sie wie eine 1 brav in ihrem Körbchen. Darum hatte ich deswegen keine Bedenken. Erst als ich 3 Kinder mit meinem Leichenwagen holen musste, von denen eins erstickt war, war mir bewusst, was ich mit meinem Kind gemacht hatte.
Ernst-Ludwig
Mit meinem Sohn konnte ich das nicht machen. Er war ein Zappelpeter und Schreihals. Er wurde mitgenommen und in die Kuhle gelegt. Wie viele Tiere an ihm rumkrabbelten oder auch Mäuse, weiß ich nicht. Jedenfalls würde ich so etwas nicht noch einmal machen. Keiner hat aber auch dagegen Einspruch erhoben. Wenn man bedenkt, dass es nicht einmal mein Acker war, wo ich mich einsetzte, war das schon ein starkes Stück. Meine Hanna war ja 5 Jahre älter wie mein Sohn, deswegen haben sich die beiden nicht so oft gezankt. Hanna war immer schon die vernünftigere. Sie musste den Schreihals oft hüten.
Sie erzählt oft, dass sie ihn immer mit dem Kinderwagen fahren musste, wollte sie spielen, und ließ ihn einen Augenblick stehen, dann brüllte er los. Die zwei kleineren haben sich gezankt wie die Kesselflicker. Sowie sie sich erblickten, ging es los. Dabei gab es zerbrochene Scheiben, Löcher in den Türen. Ich war ganz verzweifelt. Was sollte ich machen. Ich wusste keinen Rat. Sie konnten sich einfach nicht riechen. Heute sind sie ein Herz und eine Seele.
Als Tante Rickchen noch lebte kam er zu ihr, und sagte, als sie sich einen Kühlschrank gekauft hatte: „Was willst du denn mit einem Kühlschrank, du willst doch sterben!“ Wo er das aufgeschnappt hatte, weiß ich nicht. Mein Sohn konnte einfach alles, was den Mädchen passierte. Wenn ich ihn schön gekleidet hatte kam er garantiert 5 Minuten später hoch und war in die Matsche gefallen. Einmal war’s sogar ein Sutterloch. Es war zum Glück eins ohne Decke. Ein anderes Mal hat er die Jauchepumpe betätigt, und alles genau über seinen Kopf. Er fiel ins Auto und ins Motorrad. Kam mit dem Füßchen in die Fahrradspeichen. Riss sich in Marburg von meiner Hand los, weil er auf der anderen Straßenseite was Interessantes erblickte. Ich gab einen lauten Schrei von mir, da blieb er auf dem Mittelstreifen stehen. Als einziger hat er von mir Schläge bekommen. Immer, wenn ich ihn verkloppt hatte, hat er solange fröhliche Sachen gemacht, bis ich lachen musste.
(handschriftlicher Einschub: Wenn er Schokolade zu verschenken gehabt hätte, er hätte sie mir gegeben, nur um mich wieder fröhlich zu sehen, das war ihm furchtbar wichtig, und ich war immer sehr traurig, wenn ich ihn geschlagen habe und hab‘ es stets bereut. Warum lies ich mich aber immer wieder dazu hinreißen?)Dann kam aus dem unschuldigen Mund, ach jetzt lacht sie wieder. Er wollte ja nicht böse sein. Ich würde auch kein Kind mehr schlagen. Ich würde es nicht mehr machen.
Eines Tages waren ein Nachbarskind, mein Sohn und meine älteste Tochter verschwunden. Wir suchten und suchten. Sie waren nicht da. Wir wollten gerade die Polizei verständigen, da hörte ich meinen Sohn oben an der Straße brüllen. Da waren sie doch tatsächlich bis Treisbach zu den Verwandten gelaufen. Die zwei Größeren sagten: „Wir haben ihn schon von Treisbach an immer abwechselnd getragen. Er brüllt schon von dort her.“
Ich konnte nicht begreifen, dass die Verwandten, sie wieder zurückließen, anstatt uns zu verständigen. Mein Sohn war gerade mal 3 Jahre alt. Am liebsten spielte er im Matsch. Dementsprechend sah er abends auch aus. Wenn ich dann schimpfte, kam im Allgemeinen der Satz, „Ja, zieh mir halt gleich was Altes an.“ Ich war ständig auf der Hut, was macht er wieder, wenn ich ihn nicht sah. Darum war ich froh, wenn er bei seinem Onkel auf dem Acker war.
Ich musste mal für kurze Zeit in die Klinik. Mein Mann kam und sagte: „Mach, dass du nach Hause kommst, es geht alles schief.“ Das mein Mann damit nicht zurecht kam, war mir klar. Für Hausarbeit hatte er nur linke Hände. Tante Erna kam schon mal und hat nachgeschaut. Es waren ja nur ein paar Tage. Das hat Heinrich nicht mal geschafft.
Ich möchte noch einfügen, egal, wie meine Kinder ausgefallen sind, es war das wertvollste, was mir von Gott geschenkt worden ist. Und ich wünsche mir nichts Besseres als dass es ihnen gut geht.
Die 50iger Jahre
Die Flüchtlinge (die nach dem Krieg im Haus Dörr einquartiert waren) sollten ausziehen, taten es aber nicht. Dann konnten wir eine Wohnung haben, und wollten ausziehen. Als aber meine Schwiegermutter mit verweinten Augen durch das Haus lief, sagte ich: „Wein nicht, wir bleiben da.“ So verflossen viele Jahre. Endlich hatten die Mieter eine Wohnung mit kaputten Fenstern. Mein Mann baute ihnen von unserem Geld neue Fenster und sie zogen aus. Da kam eines Tages der Sparkassenleiter in unser Haus und stellte mir komische Fragen. „Was halten Sie vom Prämiensparen?“ usw…
Ich glaubte, er wollte mich werben und sagte: „Das hab ich doch schon, habe aber noch nie etwas gewonnen“. Da kam er mit seinem Blumenstrauß, „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben 1000 DM gewonnen!“ Was war das eine Freude! Nun konnten wir die total verwohnte Wohnung wunderschön herrichten. Unsere Möbel wurden aufgestellt. Es war einfach nur schön. Die Oma kam nach oben und brachte mir Wurst, Schinken und Speck, dass wir nur ja nicht verhungerten. Milch bekamen wir ja sowieso jeden Tag.
Mein Schwager fand ein liebes Frauchen. Meine Schwiegermutter starb. Sie hatte sich, nachdem Opa gestorben war, in eine depressive Stimmung verlegt. Wir wollten ihr helfen, und schickten sie in eine Kur. Beim Abschied sagte sie: „Ihr seht mich nicht mehr wieder“, was ich ihr nicht glaubte. Nach drei Wochen mussten wir sie mit dem Leichenwagen abholen. Mein Sohn wurde geboren. „Heinrich, hol‘ schnell die Amme, es geht los.“
Die Frau hatte kaum Zeit, ihre Utensilien auszupacken, da war der Junge total abgemagert, schrumpelig und blau innerhalb von 10 Minuten auf der Welt. Ich glaubte, er wäre tot. Leise Piepser, o Gott, er lebt! Und aus dem runzeligen Würmchen ist ein großer starker und lieber Mensch geworden. Wir haben dann, bis Margarete geboren wurde, noch bei meinem Schwager umsonst gewohnt. Bis wir bauten. Nicht nur für meine Schwiegereltern war ich auf dem Feld tätig, auch bei der Frau Rike Völk. So richtig gut, war mir diese Frau, auch für sie habe ich mich auf den Ackern ausgetobt. (Text umgestellt, ab Seite 14)
Tante Rickchen

Unendlich viel Liebe und Güte hat mir diese Frau (siehe unten *Tante Rickchen?) entgegen gebracht. Ab dem Tod meiner Schwiegermutter, spielte sie für mich eine große Rolle. Am Anfang bin ich ja genau wie bei meinen Schwiegereltern auch auf ihrem Acker rum gelaufen und habe die Arbeiten ausgeführt, die sie wollte, denn sie hatte ja 2 Kühe und einige Acker und Wiesen.
Alles wurde in Gemeinschaftsarbeit mit ihrem Bruder ausgeführt. Sie hatte keine Kinder, ihnen war aber immer gut. Wenn sie feststellte, dass meine Kinder Kleidung nötig hatten war sie bei mir. „Komm mal mit, ich will ihnen etwas kaufen!“ So bin ich durch ihre Hilfe oft reich beschenkt worden. Mein Sohn spielte gern mit Lego. Oft erschien sie und brachte ein Päckchen mit. Mein Junge konnte sich stundenlang damit beschäftigen. Das Zeug war sehr teuer, ich hätte es ihm nicht gekauft. Da fällt mir ein, meine Tochter hatte mal eine Puppe, auch von ihr, die war innen mit Holzwolle ausgestopft. An vielen Ecken war sie schon geflickt. Die Holzwolle verteilte sich ständig überall. Das war ich leid. Kurzer Hand warf ich sie ins Feuer. Oh, was hatte die grausame Mutter da gemacht. Mein Kind vergoss bittere Tränen. „Meine Erna, meine Erna!“ Das hätte ich wohl anders anstellen können, auf jeden Fall, dass sie es nicht sah.
Also, diese Frau*, die Schwester vom Schwiegervater, schrieb sich Völk, und ihr Mann war Zimmermann. Schon früh war ihr Mann durch Krankheit Rentner. Seit vielen Jahren schon führte sie das Geschäft mit den Arbeitern. Ich habe sie oft bewundert.
Eines Tages passierte es, dass die Kühe meines Schwiegervaters im Trab auf den Hof gerannt kamen. Er kam langsam hinter her gelaufen und konnte nicht mehr sprechen. Er hatte offensichtlich einen Schlaganfall. Ab da saß er nur noch neben meinem Sohn an seinem Stälichen. Immerzu mit „Mei, mei“ sagte er nur. Das sollte bedeuten, das Kind ist mein Junge. Es hat nicht lange gedauert, da musste er die Welt verlassen. Meine Schwiegermutter ist ihm ein halbes Jahr später gefolgt.
Nun hatte ich schon zwei liebe Menschen verloren und war hoch in Umständen. Da legte sich mein Vater zur letzten Ruhe nieder.
Dazu kam die Geburt von Margarete. Ich konnte nicht mal meinen Vater begraben. Das war eindeutig für mich zu viel. Ich wollte doch meinem Vater ein so schönes Altenteil bereiten. Ihn so richtig verwöhnen, wenn mein Haus fertig war. Nach der Geburt wurde ich krank. Zuerst Venenentzündung. Dazu noch Thrombose. Und zum Schluss eine Schwangerschaftspsychose. Ich glaubte jeden Tag, dass ich den nächsten nicht mehr erlebte. Der Arzt sagte mir zwar, es wäre nicht so schlimm. Ich konnte ihm aber nicht glauben. So vegetierte ich dahin. Ich hörte auf, zu arbeiten, und bat meine Schwägerin, dass sie sich um meine Kinder kümmert, wenn ich nicht mehr da war. Sie nahm schon mal zum Trost das Neugeborene mit an ihre Arbeitsstelle im Kinderheim in Marburg.
Mich und die zwei anderen nahm Tante Sophie mit nach Mellnau in ganz enge Verhältnisse, weil man Sorge hatte, ich könnte etwas Dummes anstellen. So weit weg davon war ich auch nicht. Ich fragte mich ständig, warum soll das arme Würmchen leben, wenn es keine Mutter hat. Die Sache hat sich immerhin einige Monate hin gezogen.
Dann kam Tante Rickchen: „Kind, warum bist du denn so traurig? Du hast gesunde Kinder, eine schöne Wohnung und einen guten Mann.“ Das waren alles nicht die Ursachen. Auch nicht, dass sie mir bei eventuellen Geldnöten helfen wollte. Zu oft hörte ich: „Arbeite was, dann wird es besser.“ Und ich horchte, ging hinter die Mühle und machte Rasen zu Gartenland. Das war sehr schwer, und ich hoffte, dass es mir schaden würde. Das Gegenteil trat ein. Es wurde besser. Als mir klar war, du musst dich ablenken, wusste ich den Weg zum Gesundwerden.
Nun ging es wieder aufwärts. Ich gab mir große Mühe, das Böse schnell zu unterdrücken. Wir fingen schon an, Pläne zu schmieden zum Bauen. Weil doch einmal der Notstand bei meinen Schwiegereltern beendet sein musste. Wir hatten Bausparverträge, die reif wurden.
Mein Schwager hat ganz schnell geheiratet. Und hatte genauso fix 5 Kinder dicht hintereinander, die auch Platz benötigten. Und die Ausziehstube wollten ja die Tanten auch mal wieder selber bewohnen. Wir suchten nach einem Bauplatz. Der Mann aber, bei dem wir nachfragten, hatte nichts Eiligeres zu tun, als unserer Tante Rickchen das mitzuteilen.
Sie kam bitter böse, nun wollten wir auch noch Steine in den Weg legen. Sie sagte: „Was wollt ihr einen Bauplatz kaufen? Das braucht ihr doch nicht, ihr bekommt doch den Zimmerplatz.“ Für mich war das noch ein wenig unsicher. Und ich versuchte, ganz zaghaft zu fragen: „Solange der Platz uns nicht gehört, bekommen wir doch kein Geld von der Bank.“ Das sah sie sofort ein, und wir mussten zum Notar kommen. Dort wurde uns das ganze Grundstück überschrieben, also auch der Teil, der zur Zimmerei gehörte. Ich dachte nur, Wunder geschehen immer wieder. Nun war kein Halten mehr.
Der Bauplatz war da. Nun konnten wir schon langsam beginnen. Ich konnte es einfach nicht fassen. Kurze Zeit drauf habe ich gewusst, was da los war. Tante (Rickchen) hat nun endlich die ganze Geschichte loswerden wollen und hat den Herrn Arndt gedrängt, endlich zu sagen, ob er die Zimmerei haben will. Und Herr Arndt sagte Nein, weil er auf seinen Sohn gehofft hat, dass er Zimmerer wird. Da dieser stattdessen eine Banklehre anfing, hatte Herr Arndt keine Courage. Er fühlte sich schon zu alt für einen Anfang dieser Größenordnung.
In heutiger Sicht hat er Recht gehandelt. Er ist gar nicht lange danach an Krebs gestorben. Ich vermute, weil er als Zimmerer ständig die giftigen Dämpfe von dem Spritzgift eingeatmet hat, mit dem die Balken gegen Ungeziefer gespritzt wurden.
Meine neue Schwägerin, Magdalene, hat mir nach der Hochzeit angeboten, es könne alles so bleiben, wie es vordem gewesen war. Das war aber ganz und gar nicht mein Plan.
Hausbau
Ich wollte nun endlich für meine Familie da sein. Es ging auch ganz schnell zur Sache. Die Baugrube wurde mit dem Bagger ausgehoben. Danach stand ich in der Grube und hob die Mauerfundamente aus mit Hacke und Spaten, Schüppe und Pickel. Denn immer wieder mussten auch schwere Steine entfernt werden. Dann kam mein Mann und schaute mir von Zeit zu Zeit zu. Ich meinte: „Guck nicht, hilf mir lieber!“ „Nee“, war die Antwort, „kannste mir 26,00 DM die Stunde geben?“ „Nein“, „Ja, dann kann ich dir auch nicht helfen.“ Und schon war ich wieder allein. Tante (Rickchen) kam oft und schaute mir zu. Zum Essen war sie aber immer verschwunden. Nicht ein einziges Mal hat sie bei mir Essen angenommen.
Meine neue Schwägerin hatte ihre eigene Last, sie hätte das auch gar nicht gekonnt. Die Bauernarbeit war durch die vielen Maschinen, die während meiner Zeit angeschafft wurden, viel einfacher geworden. Das meiste machte Ludwig mit den Maschinen ganz allein. Und wenn er Hilfe benötigte, war mein Sohn zur Stelle. Er und der Ollo waren ein Herz und eine Seele. Das Kind hätte sich überschlagen, wenn sein Onkel ohne ihn auf den Acker gefahren wäre. Wenn er aus der Schule kam, wurde das Essen im Galopp verzehrt. Und dann war er verschwunden. Die Schularbeiten machte er abends, wobei ich ihm oft half, weil ihm vor Müdigkeit die Augen zugefallen sind. Da er gut lernte, war das weiter kein Problem.
Immer wieder fand ich Möglichkeiten, wo ich glaubte, das kann ich sparen. Das kann ich selber machen. So wurde der ganze Kellerteil, der in der Erde zugeschüttet wurde vorher mit schwarzem Isoliermaterial gestrichen. Es durfte keine Stelle ohne Farbe sein. Oder wenn die Schwerbetonsteine auf die Etagen zum Mauern mussten. Das war das Schwerste.
Das Haus war schnell fertig. Die Zimmerer setzten das Dach drauf. Und unsere Schreiner die Inneneinrichtung. Leider hatten die Raupen die Erde rund um das Haus kreuz und quer geschoben, so dass die gute Erde in der Tiefe vergraben wurde und die schlechte Erde oben auf kam. Das hätte ich am liebsten auch noch gerne selber gemacht. Alles konnte ich aber auch nicht und die Raupen waren schneller.
Der Führerschein (Text ab Seite 16)
Alle meine Wege, die ich zu machen hatte, wurden von mir mit dem Fahrrad zurückgelegt.
An einem Tag im Frühling wollte ich mit der Eisenbahn nach Marburg fahren. Wir hatten schon einen Transporter und einen PKW, aber nur mein Mann besaß den Führerschein. Da traf ich eine Frau, die mir gut bekannt war. Wir grüßten uns, weiter nichts. Als ich in Wehrda mit Bahn und Bus endlich ankam, traf ich die Frau wieder. Sie sagte: „Was, Frau Dörr, jetzt sind Sie erst hier? Ich habe noch Mittag gekocht und gespült. Warum machen Sie denn keinen Führerschein? Sie haben doch Autos?“
Da hatte sie mich doch tatsächlich wachgerüttelt. Auf diese Idee war ich noch gar nicht gekommen. Das ich mal Auto fahren könnte, hatte ich überhaupt noch nicht in Erwägung gezogen. Den Bulldok von meinem Schwager konnte ich zwar schon fahren, aber ein Auto? Ich kam nach Hause, und mein Mann hörte die Worte: „Ich will einen Führerschein machen.“ Genauso erstaunt, wie ich, war auch mein Mann. Er meinte, da wird nichts draus. Von mir bekommst du keinen Pfennig Geld dafür. Das schlag dir aus dem Kopf. Aber wie alles, was ich mir vorgenommen habe, konnte der Gedanke nicht mehr ausgemerzt werden.
[Fortsetzung des Originaltextes folgt unmittelbar auf dieser Seite.]