Familien- & Zeitgeschichte

Der Überfall von 1636

Der Überfall von 1636 ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem historischen Ereignis über Jahrhunderte eine lokale Erzählung entsteht. Sicher ist die Plünderung Wetters im Dreißigjährigen Krieg. Vieles von dem, was heute mit Vogelbärbchen und „Wetteranus est“ verbunden wird, gehört dagegen zur späteren literarischen und theatralischen Verarbeitung.

1636 lag Wetter mitten in einem Kriegsraum

Nach dem Prager Frieden von 1635 war der Dreißigjährige Krieg keineswegs beendet. Schweden und Frankreich kämpften weiter gegen Kaiser und Verbündete; Hessen-Kassel blieb auf der protestantisch-schwedischen Seite. Zugleich verschärfte der Konflikt zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt um das Marburger Erbe die Lage in Oberhessen.

Wetter lag damit in einem Durchgangs- und Versorgungsraum zwischen Marburg, Burgwald und den Wegen nach Norden. Frühneuzeitliche Heere waren darauf angewiesen, Quartier, Lebensmittel, Futter, Pferde, Geld und Transportleistungen aus den Regionen zu erhalten, durch die sie zogen.

Was sich für Wetter tatsächlich sagen lässt

Das städtische Geschichtsangebot hält fest, dass 1636 schwedische und niederhessische Truppen Wetter plünderten. Der Theater- und Festspielverein nennt für einen Überfall schwedischer Kürassiere den 5. Juni 1636. Eine später verbreitete Darstellung setzt das Wüten der Reiter auf den 6. Juni und spricht von mehreren Tagen.

Diese Abweichung wird nicht künstlich aufgelöst. Sie zeigt vielmehr die Grenze der Überlieferung: Das Ereignis selbst ist belegt, der genaue Ablauf und die exakte Datierung einzelner Vorgänge sind in späteren Darstellungen nicht einheitlich.

Warum wurde geplündert?

Plünderung konnte im Dreißigjährigen Krieg der Versorgung von Truppen dienen, Folge mangelnder Disziplin sein oder eine Ortschaft unter Druck setzen. Für die konkret in Wetter beteiligte Einheit ist kein militärischer Auftrag überliefert, aus dem sich ein einzelner Zweck des Überfalls sicher ableiten ließe.

Für die Einwohner war diese Unterscheidung ohnehin zweitrangig. Der Verlust von Nahrungsvorräten, Vieh, Werkzeug oder Saatgut konnte einen Haushalt noch lange nach dem Abzug der Soldaten treffen. Einquartierung, Gewalt, Flucht und Seuchengefahr kamen hinzu.

1863 bekommt das Ereignis Figuren und eine Handlung

Bauliche Spuren lassen sich dem Überfall heute nicht sicher zuordnen. Seine Wirkung in der Erinnerung ist dagegen außergewöhnlich stark. Carl Glaser bearbeitete den Stoff 1863 literarisch. Daraus entwickelte sich die Erzählung vom Vogelbärbchen, die später zur Grundlage des Festspiels wurde.

Vogelbärbchen, Augustin und die dramatische Rettung Wetters gehören deshalb zur literarischen und theatralischen Erinnerungskultur. Sie machen das historische Erlebnis anschaulich, sind aber nicht mit einem zeitgenössischen Bericht über den militärischen Ablauf gleichzusetzen.

Der Stadtbrand kam dreizehn Jahre später

Der Überfall von 1636 wird in der Wetteraner Erinnerung häufig gemeinsam mit dem großen Stadtbrand erzählt. Historisch sind es zwei getrennte Ereignisse. Der Brand ereignete sich am 31. März 1649, dreizehn Jahre später und bereits nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Dass beide Katastrophen dennoch eng nebeneinanderstehen, ist nachvollziehbar: Sie gehören zu einer langen Krisenzeit, die Bevölkerung, Wirtschaft und Stadtbild tief veränderte. Die Brandgeschichte wird deshalb auf einer eigenen Seite behandelt.

Der Überfall von 1636 ist somit zugleich Kriegsgeschichte und Erinnerungsgeschichte. Je klarer zwischen dem belegten Ereignis und seiner späteren Erzählung unterschieden wird, desto interessanter wird beides.

Quellen