Hintergrund zum Festspiel
Das Festspiel „Wetteranus est“ erzählt Geschichte – aber es ist selbst keine Chronik. Sein historischer Kern liegt im Überfall von 1636. Die Figuren und die dramatische Handlung stammen aus einer späteren literarischen Erinnerungstradition. Und der große Stadtbrand von 1649, der im Wetteraner Geschichtsbild oft unmittelbar danebensteht, war ein eigenes Ereignis dreizehn Jahre später.
1636: Was hinter der Bühnenhandlung steht
Wetter lag im Dreißigjährigen Krieg in einer Region, die von Truppendurchzügen, Einquartierungen, Plünderungen und Seuchen geprägt war. Für 1636 ist eine Plünderung Wetters durch schwedische und niederhessische Truppen überliefert. Der Theater- und Festspielverein nennt für einen Überfall schwedischer Kürassiere den 5. Juni 1636; spätere Darstellungen weichen bei der genauen Datierung teilweise ab.
Der historische Kern ist damit greifbar, aber nicht jeder Ablauf der späteren Erzählung lässt sich als tatsächliches Ereignis belegen.
1863 wird aus Geschichte Literatur
Carl Glaser veröffentlichte 1863 seine literarische Bearbeitung des Stoffes um das Vogelbärbchen. Aus der Erinnerung an Krieg und Überfall entstand eine Geschichte mit Personen, Dialogen und dramatischer Handlung.
Vogelbärbchen, ihr Sohn Augustin, Bürgermeister Croll und Trude machen Bedrohung, Verlust und Wiedersehen auf der Bühne anschaulich. Sie sollten jedoch nicht wie Personen eines militärischen Protokolls von 1636 gelesen werden.
Das Festspiel erzählt auch, wie Wetter sich erinnert
Gerade die Mischung aus historischem Kern und späterer Erzählung macht das Festspiel interessant. Es vermittelt nicht nur ein Ereignis des Dreißigjährigen Krieges, sondern zeigt, wie dieses Ereignis über Generationen in Literatur, Grenzegang und Theater weitergetragen wurde.
Wer genauer wissen möchte, was sich über das Ereignis selbst sagen lässt, findet die quellenkritische Einordnung auf „Der Überfall von 1636“.
1649: eine zweite Katastrophe
Der große Stadtbrand gehört nicht zum Überfall. Er ereignete sich am 31. März 1649 und damit bereits nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Das Feuer ging nach der städtischen Überlieferung von einer Bäckerei in der Unterstadt aus und traf eine durch die Kriegsjahre bereits geschwächte Stadt.
Von den Wohnhäusern blieben nach der städtischen Darstellung drei Häuser am Marktplatz verschont. Kirche, Pfarrhäuser und Hospital überstanden den Brand ebenfalls. Die oft verkürzte Aussage, in ganz Wetter hätten lediglich drei Gebäude überlebt, ist deshalb nicht richtig.
Die drei erhaltenen Marktgebäude stehen gegenüber dem Rathaus und bilden beim Grenzegang einen Teil der historischen Kulisse. Das ältere Rathaus selbst wurde 1649 zerstört; sein Nachfolgebau entstand 1680.
Die Brandgeschichte wird auf „Stadtbrand 1649“ ausführlich erzählt.
Das Festspiel verbindet also mehrere Ebenen: ein reales Kriegserlebnis von 1636, seine literarische Verarbeitung seit dem 19. Jahrhundert und die Wetteraner Erinnerungskultur. Gerade wenn diese Ebenen getrennt bleiben, wird sichtbar, wie aus Geschichte über Jahrhunderte eine gemeinsame Erzählung der Stadt wurde.
Quellen
- Stadt Wetter: Historischer Stadtrundgang
- Theater- und Festspielverein Wetter: „Wetteranus est“
- Carl Glaser: Vogelbärbchen. Eine Erzählung aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, 1863.