Familien- & Zeitgeschichte

Grenzegang in Wetter

Offizielles Grenzegang-Logo der Stadt Wetter für das Fest 2022
Logo des Grenzegangs 2022 · Quelle: Stadt Wetter (Hessen)

Ein Fest, zu dem Wetter immer wieder zusammenkommt. Für mich ist der Grenzegang ein „Pflichtprogramm für jeden Wetteraner“ – eine persönliche Formulierung für ein Fest, das weit über einen Termin im Kalender hinausgeht. Alle sieben Jahre werden Wege, Orte und Menschen wieder gegenwärtig, die zu Wetter gehören. Diese Seite erzählt zunächst die öffentlich dokumentierte Geschichte des Festes. Meine eigenen Erinnerungen und Bilder werden sie später ergänzen.

Aus einer Grenzbegehung wurde ein Heimatfest

Der Ursprung liegt in einer Zeit, in der Grenzen nicht allein auf Karten standen. Die Stadt Wetter verweist auf eine Beschreibung ihres „Weichbildes“ aus dem Jahr 1239. Wege, Gräben, Bäume und Mühlen dienten damals als Orientierung; später kamen Grenzsteine mit Hoheitszeichen hinzu. Weil Grenzen und Steine Anlass für Streit mit Nachbargemeinden sein konnten, wurden sie regelmäßig kontrolliert. Seit dem 16. Jahrhundert sind solche Begehungen überliefert. Zum jährlichen Abgehen der Grenze trat später ein größerer Grenzumgang im Abstand von sieben Jahren.

Mit Karten und Katastern verlor die gemeinsame Begehung ihren früheren Verwaltungszweck. Die Menschen behielten den Brauch jedoch bei und machten daraus ein Fest. Schon für 1861 beschreibt die Stadt Wetter eine Grenzbegehung mit Musik. An diesem Übergang wird deutlich, warum der Grenzegang bis heute mehr ist als das Nachgehen einer Linie: Die Stadt vergewissert sich ihrer Geschichte und feiert zugleich ihre Gemeinschaft.

Sieben Tage Grenzegang: der Ablauf von 2022

Der erhaltene Pocket-Guide zum Grenzegang 2022 zeigt, wie sich das Fest über eine ganze Woche entfaltet. Er dokumentiert Mittwoch, 10. August, bis Dienstag, 16. August 2022. Der Ablauf bietet einen guten Ausgangspunkt für die Erzählung; genaue Termine und Programmpunkte künftiger Grenzegänge werden jeweils neu festgelegt.

Tag 2022 Was geschah
Mittwoch, 10. August Treffen auf dem Marktplatz, Totengedenken am Ehrenmal des alten Friedhofs und um 21 Uhr die erste Aufführung des Festspiels „Wetteranus est“ auf dem Marktplatz.
Donnerstag, 11. August Zum Festbeginn wird nach persönlicher Überlieferung der Grenzegang ausgegraben. Das Programm von 2022 nennt die Begrüßung und offizielle Eröffnung auf dem Marktplatz sowie am Abend eine weitere Aufführung des Festspiels.
Freitag, 12. August Weckruf um 5 Uhr, ab 6 Uhr der erste Grenzbegang mit Frühstücksplatz im Wollenberg an den Schwedenschanzen; abends gemeinsamer Weg zum Festplatz und Musik.
Samstag, 13. August Zweiter Grenzbegang Richtung Todenhausen, Verlesen des alten Weistums, Frühstücksplatz an der Hitzstube und abends Festzelt.
Sonntag, 14. August Festgottesdienst, Platzkonzert und großer historischer Festzug durch die Altstadt; abends die dritte Festspielaufführung.
Montag, 15. August Frühschoppen, humoristischer Umzug und gemeinsames Feiern auf dem Festplatz.
Dienstag, 16. August Um 10 Uhr das „Begraben des Festes“ auf dem Marktplatz und anschließender Ausklang in Wetter.

Der Mittwoch war damit bereits Teil der sieben Festtage, auch wenn die offizielle Eröffnung erst am Donnerstag folgte. Am Donnerstag zum Festbeginn wird der Grenzegang ausgegraben. Diese Angabe stammt aus persönlicher Überlieferung; im ausgewerteten Kurzprogramm von 2022 ist die Zeremonie nicht eigens aufgeführt. Für Dienstag dokumentiert das Programm das „Begraben des Festes“ auf dem Marktplatz.

„Wetteranus est“ – das Vogelbärbchen auf dem Marktplatz

Wetter: historische Hintergründe → Die neue Unterseite ordnet den Krieg von 1636 und den Stadtbrand von 1649 ein und erzählt die Stadtgeschichte mit der Eisenbahn ab 1890 und den Luftangriffen 1945 weiter.

Das Festspiel macht einen Teil der Stadtgeschichte als Theater erlebbar. Sein historischer Hintergrund sind die Kriegsereignisse des 17. Jahrhunderts: Die Stadt Wetter nennt für 1636 marodierende schwedische und niederhessische Truppen. Die Handlung um das Vogelbärbchen ist eine dramatisierte Erzählung vor diesem historischen Hintergrund; die Stadt bezeichnet das Theaterstück ausdrücklich als fiktiv. Ein 1863 veröffentlichter historischer Roman von Justus Treumund, dem Pseudonym des Lehrers Carl Glaser, wurde nach Darstellung der Veranstalter zur Vorlage des ersten Wetteraner Festspiels von 1952.

Im Mittelpunkt steht eine Mutter: Als das Vogelbärbchen vom Holzsammeln zurückkehrt, findet sie das Forsthaus niedergebrannt, ihren Mann erschlagen und ihren Sohn Augustin verschwunden. Sie macht sich auf die Suche nach ihm. Die Bühnenhandlung führt diese Suche durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Augustin und seine Mutter finden einander wieder; zugleich rettet er Trude, die Tochter des Bürgermeisters, aus der Gewalt schwedischer Soldaten. Die Geschichte verbindet Verlust, Hoffnung, Wiedersehen und Liebe mit der Bedrohung einer Stadt im Krieg.

Gespielt wird auf dem Marktplatz, dessen Häuser selbst zur Kulisse gehören. Nach dem offiziellen Pocket-Guide überstanden die Gebäude Marktplatz 7, 8 und 9 den großen Stadtbrand von Ostern 1649. Die Aussage, es seien nur drei Gebäude der ganzen Stadt erhalten geblieben, wäre zu eng: Laut Festschrift blieben auch die Kirche, die Pfarrhäuser und das Hospital verschont. Das historische Rathaus verbrannte; sein heutiger Bau stammt von 1680. So stehen beim Festspiel reale Zeugen der Stadtgeschichte hinter einer szenisch erzählten Geschichte.

Der Titel „Wetteranus est“ lässt sich sinngemäß als „Er ist ein Wetteraner“ lesen. Die Stadt verweist darauf, dass dieser Zusatz einst von aus Wetter stammenden Gelehrten verwendet wurde. Beim Grenzegang erhält der Satz noch eine zweite, persönliche Bedeutung: Zugehörigkeit zu Wetter bleibt auch über Jahre und Ortswechsel hinweg spürbar.

Zu Fuß durch die Geschichte der Stadt

Die Gemarkungsgrenze der Kernstadt wird an zwei Wandertagen begangen. Nach Darstellung des Fördervereins führt jeweils eine Strecke entlang der östlichen und der westlichen Hälfte; unterwegs gibt es Frühstücksplätze. Grenzsteine sind dabei historische Wegmarken und Schauplätze eines bis heute gepflegten Brauchs: Menschen werden von den Grenzegangsläufern „auf den Stein gehoben“. Die Stadt Wetter führt diesen Brauch auf die frühere Überprüfung der Standfestigkeit der Steine zurück.

Zum Fest gehören außerdem Musik, ein historischer Festzug, das Festspiel, Angebote für Kinder und die Begegnungen auf den Wegen, in der Stadt und auf dem Festplatz. Der Festzug stellt mit Kostümen, Requisiten und Wagen Ereignisse der Wetteraner Geschichte dar. Vieles daran entsteht durch Menschen aus Wetter, die nicht nur zuschauen, sondern mitlaufen, spielen, organisieren und vorbereiten.

Ein Fest, das von Ehrenamt lebt

Der Grenzegang ist ein Fest der Stadt Wetter. Seine Vorbereitung und Durchführung tragen zahlreiche Ehrenamtliche in Ausschüssen, etwa für Grenzsteine, Festzug, Festspiel, Musik, Festschrift, Kindervergnügen und Versorgung. Die Stadt nennt für das Fest 2015 insgesamt 188 Menschen, die an Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ehrenamtlich beteiligt waren. Diese Arbeit beginnt lange vor den eigentlichen Festtagen und macht erst möglich, dass eine überlieferte Tradition wieder zu einem gemeinsamen Erlebnis wird.

Der zuletzt gefeierte Wetteraner Grenzegang fand vom 10. bis 16. August 2022 statt. Der Förderverein nennt 2029 als Jahr des nächsten Festes. Konkrete Termine und Programme sollten stets bei der Stadt oder beim Förderverein geprüft werden.

Warum der Grenzegang zu meiner Geschichte gehört

Ich bin in Wetter aufgewachsen. Freundschaften aus der Grundschulzeit, der Konfirmandenzeit und der Feuerwehr haben auch dann weiterbestanden, als mein Leben und meine Arbeit mich in andere Regionen führten. Der Grenzegang ist ein besonderer Zeitpunkt, an dem diese Verbindungen wieder sichtbar werden. Menschen, die sich im Alltag seltener begegnen, treffen sich wieder; Gespräche knüpfen an gemeinsame Jahre an.

Meine Teilnahme als Teenager und junger Erwachsener in Wetter und meine späteren Besuche als Erwachsener, der außerhalb Wetters lebt, sollen hier noch ausführlich erzählt werden. Dazu gehören auch vorhandene persönliche Fotos. Welche Jahre, Wege, Begegnungen und Geschichten auf dieser Seite ihren Platz finden, arbeite ich anhand meiner Erinnerungen und Bilder noch auf. Der persönliche Teil ist deshalb bewusst als begonnene Chronik gekennzeichnet.

Persönliche Bilder vom Grenzegang

Diese vier Aufnahmen zeigen erste Ausschnitte des Festes. Die genaue zeitliche Einordnung und die Geschichten hinter den Bildern ergänze ich später.

Quellen und weiterer Ausbau

Für den Wochenablauf, die Festspielhandlung und den Stadtbrand wurde vor allem der offizielle Pocket-Guide 2022 der Stadt Wetter ausgewertet. Zur Einordnung des Theaterstücks als fiktive Erzählung vor dem Hintergrund der Ereignisse von 1636 dient der historische Stadtrundgang der Stadt. Die Herkunft der Romanvorlage erläutert der Festgottesdienst-Beitrag, die Bühnenfiguren beschreibt der Bericht zur Besetzung 2022.

Die historischen Angaben und die Beschreibung des Festes stützen sich auf die Historie der Stadt Wetter, die städtische Grenzegang-Seite und die Darstellung des Fördervereins Grenzegang Wetter. Ergänzend erläutert der Förderverein Brauch und Grenzsteine. Eigene Erlebnisse und Fotos werden als persönliche Erinnerung kenntlich gemacht und zeitlich eingeordnet.